Bereicherung durch
Unterschiede

 

Prior Alois erklärt im Interview mit der Journalistin Theresa Leisgang, wie die Bruderschaft von Taizé ökumenische Werte lebt und warum tausende Jugendliche hier einen besonderen Zugang zum Glauben finden.

 

 

Sie waren als Jugendlicher 1970 zum ersten Mal in Taizé, warum sind Sie Bruder geworden?

Frère Alois: Die Gründe dafür sind mir sicher nur zum Teil bewusst. Aber es ging mir vor allem darum, Christus nicht alleine nachzufolgen. Ich wollte mich in der Kirche engagieren, wusste aber nicht, wie und wo? In Taizé habe ich entdeckt, dass ein Leben in Gemeinschaft in besonderer Weise dem Evangelium entspricht. Gleichzeitig habe ich hier das Evangelium tiefer verstehen gelernt. Frère Roger hat so sehr darauf bestanden, dass Gott Liebe ist und dass seine Liebe nicht von uns abhängt. Er hat diesen Gedanken, der in der Reformation betont wurde, auf seine Weise sehr deutlich zum Ausdruck gebracht. Das zu hören, war für mich eine große Befreiung.

Wie leben Sie in Taizé die Ökumene?

Frère Alois: Wir wollen ein deutliches Zeichen dafür setzen, dass uns die Taufe verbindet. Es gibt eine Taufe, in ihr sind wir der eine Leib Christi. Das wird in unserem Kirchenalltag leider nicht sichtbar. Was einem dort viel mehr ins Auge fällt, ist die Spaltung der Konfessionen. Wir versuchen in Taizé, die Einheit, die uns schon durch die Taufe geschenkt ist, durch unser Leben zum Ausdruck zu bringen.

Welche Rolle spielen die Konfessionen für die Brüder?


Frère Alois: Zwei Dinge sind hier wichtig: Zum einen wissen wir natürlich, dass die Trennungen geschichtliche Gründe haben. Aber zum anderen – und das ist viel stärker – spüren wir durch unser Zusammenleben, welche Bereicherung die Unterschiede mit sich bringen. Ich selbst komme zum Beispiel aus einer katholischen Familie, in der die Bibel keine große Rolle spielte. Es gibt Brüder aus evangelischen Kirchen unter uns, die mit dem Wort Gottes aufgewachsen, die damit vertraut sind und die sich ihren Glauben nicht anders vorstellen können. Das ist ein unermesslicher Reichtum, der in der Katholischen Kirche zwar mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil aufgenommen wurde, aber noch nicht bis in den Alltag der Gläubigen vorgedrungen ist. Wir können uns noch viel mehr den Schätzen der verschiedenen Konfessionen öffnen, um sie in die Einheit einzubringen. Einer dieser Schätze der orthodoxen Kirche ist die Liturgie, in der das Gespür für das Geheimnis bewahrt wurde.

Gibt es auch orthodoxe Brüder in Taizé?

Frère Alois: Nein, in der Communauté leben Brüder aus den verschiedensten evangelischen Kirchen und Katholiken. Aber wir haben in Taizé enge Verbindungen zur orthodoxen Kirche. Allein schon durch unser Zusammenleben und durch die Besuche orthodoxer Priester habe ich viel von den Schätzen der Ostkirche entdeckt.

Wie leben Sie das Verbindende der Konfessionen und wie das Trennende?

Frère Alois: Wir sind, wo immer es geht, solidarisch mit den verschiedenen Kirchen, vor allem was die Eucharistie betrifft. Aber wir versuchen, diese schmerzhafte Trennung nicht in den Vordergrund zu rücken, sondern vor allem das Gemeinsame zu betonen. Seit den 1970er-Jahren können alle Brüder der Communauté die katholische Eucharistie empfangen. Wir sind sehr dankbar dafür, dass wir gemeinsam an einen eucharistischen Tisch gehen können. Dies war natürlich nur ein erster Schritt hin zur Einheit. In Taizé werden im Laufe der Woche auch Gottesdienste der verschiedenen Konfessionen gefeiert, heute Morgen zum Beispiel die orthodoxe Liturgie. Einmal in der Woche findet ein Abendmahl und oft auch eine anglikanische Eucharistiefeier statt.

Katholiken erleben Taizé oft als katholisch, Protestanten als evangelisch – wie kann das sein?

Frère Alois: Ich glaube, die evangelischen Christen finden hier die wichtigen Anliegen der Reformation aufgenommen, mit denen die Kirche ja ursprünglich erneuert und nicht gespalten werden sollte: Über die zentrale Stellung der Bibel haben wir bereits gesprochen. Daneben war es der Reformation ein großes Anliegen, dass Christus die Mitte unseres Glaubens bildet; das ist auch uns hier sehr wichtig. Ein weiteres Element ist die Gewissensfreiheit. In der Katholischen Kirche hatte das bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil nur wenig Beachtung gefunden. Ich glaube, die Menschen spüren, dass wir hier die Freiheit des Einzelnen auf seinem Weg im Glauben achten, ohne dass daraus ein reiner Subjektivismus wird. Es stellt sich nicht jeder seinen eigenen Glauben zusammen, nein! Es gibt die Tradition im Glauben und das ist etwas, was besonders die Katholische und die Orthodoxe Kirche stark betonen. Und diese verschiedenen Werte kommen hier gemeinsam zum Tragen. Ich nehme gerne die Worte von Papst Franziskus auf, der von einem »Austausch der Gaben« zwischen den unterschiedlichen Konfessionen spricht. Dieser Ausdruck wurde mittlerweile von verschiedenen Kirchen als Orientierung für die Ökumene übernommen, auch auf theologischer Ebene. Papst Franziskus betont, dass der Dialog zwischen den Kirchen nicht nur dazu da ist, einander kennen- und verstehen zu lernen, sondern dazu, die Gaben zu entdecken, die Gott den anderen anvertraut hat, die aber auch uns zugedacht sind.


Sie treffen Papst Franziskus regelmäßig in Rom, wie sieht der theologische Austausch mit der evangelischen Kirche aus?


Frère Alois: Natürlich vielseitiger, weil die evangelischen Kirchen in jedem Land anders organisiert sind. Wir haben zum Beispiel eine sehr enge Verbindung mit der protestantischen Kirche hier in Frankreich, deren Vertreter uns immer wieder besuchen. In Deutschland sind wir bei den Kirchentagen dabei und 2017 wird in Wittenberg eine » Nacht der Lichter« stattfinden. Wir haben in den letzten Jahren Pilgerwege mit mehreren hundert Jugendlichen verschiedener Konfessionen in Moskau organisiert und dieses Jahr haben wir mit Jugendlichen in Rumänien am orthodoxen Osterfest teilgenommen.
Dieser direkte Kontakt mit den Gemeinden ist uns besonders wichtig. Die Ökumene leidet darunter, dass sie immer mehr nur auf der Ebene von Fachtheologen beschränkt bleibt und das Volk Gottes immer weniger miteinbezogen ist. Das ungeheure ökumenische Engagement an der Basis – nehmen wir beispielsweise nur die vielen konfessionsverbindenden Ehen – wird oft viel zu wenig unterstützt.

Wir haben darüber gesprochen, dass sich nicht jeder seinen eigenen Glauben basteln kann. Ist es leichter, sich zu einigen, je weniger man von den Konfessionen weiß?

Frère Alois: Das ist keine so einfache Frage: Jugendliche bringen heute oft wenig theologisches Wissen mit und sind sich auch der historischen Gründe der Kirchenspaltung oft nicht bewusst. Man kann nicht einfach sagen, wir machen nach 500 Jahren der Trennung jetzt so eben mal schnell die Einheit. Die nötigen historischen Kenntnisse fehlen oft und so werden die eigentlichen Fragen übergangen. Aber das ist nur die eine Seite. Auf der anderen Seite haben die Jugendlichen recht, wenn sie sagen: »Christus verbindet uns!« Diesen Gedanken müssen wir viel ernster nehmen. Manchmal halten wir mit historischen und theologischen Begründungen nur unsere Trennungen aufrecht und verfestigen sie sogar noch. Das können viele Jugendliche nicht verstehen. Wir müssen ihr Drängen ernst nehmen und darin eine Stimme des Heiligen Geistes erkennen.

Seit 1970 gibt es die Jugendtreffen in Taizé. Kommen die Jugendlichen heute mit anderen spirituellen Bedürfnissen als früher?


Frère Alois: Ja, da hat sich vieles verändert! In den 70er- und 80er-Jahren war es noch klarer, worum es im Glauben geht. Man war dafür oder dagegen, man war Atheist oder hat diskutiert, aber man konnte noch mit dem christlichen Vokabular umgehen. Wenn man heute von Auferstehung spricht, ist oft nicht klar, ob alle das Gleiche meinen. Wir sehen eine unserer Aufgaben darin, durch die Jugendtreffen in Taizé noch stärker zu einer Vertiefung des Glaubens beizutragen. Wir müssen uns auf das Wesentliche konzentrieren. Das ist keine Verflachung, sondern das Anerkennen einer Hierarchie der Wahrheiten. Wir müssen uns noch deutlicher die Frage stellen: ‚Was steht im Zentrum unseres Glaubens?‘ Christus, seine Geburt, sein Leben, sein Tod, seine Auferstehung – das wollen wir stärker herausstellen.

Was suchen denn Jugendliche in Taizé, das sie nicht in ihrer Heimatgemeinde finden?

Frère Alois: Zunächst finden sie hier andere Jugendliche, und das spielt heute eine große Rolle. Immer wieder hören wir Sätze wie: »Wir sind zu Hause so alleine!«, oder »In meiner Schulklasse sind wir nur zwei, die glauben, und die anderen verstehen uns nicht.« Dieses Alleinsein im Glauben ist für Jugendliche schwer, deshalb ist es so wichtig, dass es auch in den Heimatgemeinden Gruppen gibt, in denen sie Freunde finden. Junge Menschen suchen hier ganz stark nach Gemeinschaft; und eine Erfahrung von Gemeinschaft öffnet die Ohren und die Herzen für das Evangelium. Es ist doch erstaunlich, dass die Brüder jeden Morgen eine halbe Stunde Bibelarbeit machen können und die Jugendlichen dabei zuhören. Das kommt, glaube ich, daher, dass die Bibelarbeit in ein gemeinsames Leben eingebunden ist, in dem sie Freundschaft erfahren: Das gemeinsame Gebet und das gemeinsame Arbeiten gehören zusammen und bilden eine Einheit.

Wie kann man Jugendlichen heute das Anliegen der Berufungspastoral vermitteln?

Frère Alois: Indem man darüber spricht! Tun wir das in unseren Gemeinden eigentlich? Wir bieten in Taizé jede Woche ein Thementreffen zur Frage an: »Christus ein Ja für das ganze Leben sagen?« Dieses Thema stößt auf ein erstaunlich großes Echo. Es gibt eine tiefe Sehnsucht danach, ein ‚Ja‘ zu sagen, das für immer gilt. Jugendliche spüren: Liebe kann nicht zeitlich begrenzt sein. Doch sie leben mit den Brüchen in ihrer eigenen Umgebung: Ehen gehen auseinander, Priester geben ihr Amt auf… Solche Erfahrungen sind wie ein nagender Zweifel. Obwohl unsere Welt immer kurzlebiger wird und man oft nur noch von »Lebensabschnitten« spricht und nicht mehr von einem Lebensengagement, ist die Sehnsucht nach einer Liebe für immer unauslöschlich vorhanden.
Eine Gemeinschaft von Brüdern trägt zweifellos ein Lebensengagement. Ich glaube, dass wir ganz allgemein neue Formen und Wege finden müssen, wie wir uns gegenseitig unterstützen können. Wir sollten den Jugendlichen sagen: »Du bist nicht allein auf dem Weg.« Alle, die sich für einen Weg in der Nachfolge Christi entscheiden, bräuchten eine eigene persönliche Begleitung, und zwar überall: in der Ehe, im klösterlichen und im priesterlichen Leben. Die persönliche Begleitung des Einzelnen sollte zum Beispiel in den Priesterseminaren nicht mit der Weihe beendet sein, sondern unbedingt weitergehen!
 
Bei der Berufung hat Taizé natürlich eine privilegierte Stellung: Während überall die Zahlen der Gemeindemitglieder sinken, steigen Ihre.

Frère Alois: Es stimmt: Wir sind sehr dankbar dafür, dass sich unter den vielen Jugendlichen, die hierherkommen, auch einige entscheiden, in die Communauté einzutreten.

Wie wird man Teil der Bruderschaft in Taizé?

Frère Alois: Zuerst lebt man als Freiwilliger für längere Zeit hier mit. Auf diese Weise lernt man sich näher kennen. Wenn dann eine Entscheidung gefallen ist, zieht der Betreffende zu uns ins Haus und lebt für einige Zeit mit uns Brüdern. Und dann tritt er in die Communauté ein und bekommt das Gebetsgewand. Nach fünf bis sechs Jahren legt ein Bruder dann sein Lebensengagement ab.

Dient die Zeit vor dem Engagement zur Reflexion über die Entscheidung?

Frère Alois: Ja, sicherlich, aber wir versuchen, grundsätzliche Zweifel vor einem Eintritt zu klären. Dann bleibt noch eine längere Zeit, bis die endgültige Entscheidung ansteht. Jeder Mensch verändert sich und man muss sich darüber im Klaren sein, dass man sich auch im Glauben weiterhin verändert. Aber an einer Sache möchte ich festhalten, die wandelt sich nicht. Und darin besteht das Abenteuer. Ich kann krank werden, Enttäuschungen erleben oder entdecken, dass ich zum Zeitpunkt meiner Lebensentscheidung vielleicht noch nicht reif genug war, aber ich halte daran fest. Nicht um mich einzuengen, sondern um im Leben eine Mitte zu haben, die nicht mir gehört, die ich Christus übergeben habe. Und um diese Mitte herum kann ich immer freier werden.

 


Das Interview führte Theresa Leisgang, die seit der Ausbildung an der katholischen Journalistenschule München (ifp) als freie Journalistin in Freiburg und Berlin arbeitet. Während ihrer Recherchereisen erkundet sie oft den ländlichen Raum – ob in Südindien, Südbaden oder im Burgund.

Fotografie: Theresa Leisgang