Karl Josef Wallner OCist (* 24. Februar 1963 in Wien)
ist Ordenspriester und Interims-Rektor der Philosophisch-Theologischen Hochschule Benedikt XVI. Heiligenkreuz in Niederösterreich. Wallner vertritt an der dortigen Hochschule als Professor die Fächer Dogmatik und Sakramententheologie und wirkte viele Jahre  als Jugendseelsorger und Verantwortlicher für die Öffentlichkeitsarbeit im Stift Heiligenkreuz.

Gott ist ein
Berufender

Jede Ordensgemeinschaft und jede
Pfarrei kann etwas unternehmen, um
geistliche Berufungen zu fördern

 
Die Bibel bezeugt: Gott ist ein Berufender. Und so möchte ich einer Stimmung der Resignation über zu wenige Berufungen mit einem theologischen Argument widersprechen: Es ist konstitutiv für den christlichen Glauben, dass unser Gott selbstinitiativ auf die Menschen zugeht, dass er sie ruft und beruft. Es gehört zu seinem Wesen, den Menschen nicht zu übergehen, sondern ihn in seiner Freiheit anzurufen und zu seinem Mitarbeiter zu machen. 


Wir Christen glauben daran, dass Gott sich selbst personal als unser letztes Heil in die Geschichte hinein offenbart. Von den großen Theologen gerade des 20. Jahrhunderts wurde das Wesen des Christentums als die „unüberbietbare Selbstoffenbarung Gottes“ (Karl Rahner), die „letzte Selbstpreisgabe Gottes“ (Hans Urs von Balthasar) in die Geschichte hinein beschrieben.
Und darin liegt ein fundamentaler Unterschied  zu allen anderen Religionen: Der christliche Glaube ist davon überzeugt, dass Gott nicht ein stummes und schweigendes Rätsel in unergründlicher Ferne ist, das wir Endlichen uns mit unserer religiösen Phantasie erdenken müssen. Christentum ist nicht primär: Mensch zu Gott, sondern Gott zum Menschen. Gott tut sich – von sich her – gnadenhaft in die Welt hinein kund. Die Heilsgeschichte, die uns die Bibel bezeugt, ist die selbst-aktive Bewegung Gottes in die Welt hinein, auf den Menschen zu. Gott offenbart sich dabei dem Menschen, indem er ihm „von Angesicht zu Angesicht“ begegnet, also personal und dialogisch. Schon das Alte Testament schildert eine Fülle von Situationen, in denen Menschen von Gott direkt und unmittelbar angesprochen werden: Abraham, Mose, Gideon, Samuel, Jeremia, Jesaja, Ezechiel usw. Gottes Wort trifft auf den Menschen, es entfaltet seine geschichtsmächtige Wirkung aber nur dann, wenn sich der Mensch von diesem Wort auch in Dienst nehmen lässt: „Rede Herr, denn dein Diener hört!“ (1 Sam 3,10) Berufung ist also beides: Ruf Gottes (Seine Sache!) und Antwort des Menschen (Meine Sache!). Am Ursprung steht das Angerührtsein durch Gott.

Hierin liegt auch eine entscheidende Trennlinie zwischen dem (christlich verstandenen) Begriff der „Berufung“ und demjenigen des „Berufs“:  Entscheidend ist, dass wir es bei der Berufung mit einem Ruf Gottes zu tun haben. Und hier geraten wir in Konflikt mit einer schwierigen Haltung in Glaubensfragen, die nicht wenige heute teilen, welche Gott zwar nicht leugnen, aber doch nicht erwarten,  dass er sie ernsthaft rufen könnte. Gott ist irgendwo und irgendwie. Er ist eine schöne Vorstellung. Aber wir rechnen nicht mehr mit seiner konkreten Kraft, mit seinem konkreten Wirken. Wir rechnen nicht damit, dass seine Liebe einen Menschen so sehr trifft, dass er sich in ihn verliebt und ihm alles schenkt, was er hat: sein Leben, seine Selbstverfügung, seine Keuschheit – alles!
Ein weiterer Punkt: Gott ruft öfter, als wir denken. Das Problem ist vor allem die Wahrnehmung: Wie erkenne ich das? – Und dann die Reaktion: Antworte ich, springe ich, übersteige ich die Kante des Bootes, wie Petrus, als er von Jesus eingeladen wurde, das Boot zu verlassen, „auszusteigen“ aus den bisherigen Lebensplänen, um auf dem Wasser zu wandeln? Wage ich es also, auf einem Fundament zu stehen, das von Natur aus nicht trägt – sondern nur im Vertrauen und im Glauben an Christus?


„Das Fiat Mariens“


Die ganze Bibel ist voll von Berufungserlebnissen, wo Menschen sich von Gott und von Jesus angesprochen wissen. Sie erleben den Ruf, die Stimme, das Wort Gottes.
Was für ein Unterschied zum buddhistischen Meditieren! Nirgends lesen wir in der Schrift, dass die Propheten meditativ den Kontakt mit dem Göttlichen von sich her herbeisehnen. Hier sucht nicht der Mensch nach Gott, sondern Gott sucht nach dem Menschen. Und dieser Gott bricht mitten hinein in die Welt. Diese göttliche Selbsterschließung findet ihren Höhepunkt, indem das Wort Gottes den Menschen nicht nur durch persönliche Erfahrungen oder geschichtliche Ereignisse anspricht, sondern selbst Mensch wird (vgl. Joh 1,14).

Von großer Bedeutung ist dabei, dass die Inkarnation des ewigen Sohnes uns Menschen nicht aus unserem dialogischen Verhältnis zu Gott entlässt! Es ist offensichtlich der bleibende, heilige und unwiderrufene Wille Gottes, dass er zwar alles zu unserem Heil tut, dass er dies aber nie ohne oder gegen unsere Freiheit tut. So wird auch die Menschwerdung Gottes eröffnet und ermöglicht, indem Gott einen sterblichen Menschen, eine Tochter Israels, Maria von Nazareth, anspricht. Wo Gott mit der Freiheit des Menschen rechnet und ringt, entsteht eine wahrhaft „spannende“ Situation, Der berufende Herr gewährt Freiheit, denn er will die freiwillige Antwort der Liebe, das freie Ja, das großherzige „Suscipe“! (vgl. Mt 19,21; Lk 9,23)

Das freie und freiwillige „Fiat“ Mariens, also die Annahme einer Berufung durch Gott, ermöglicht die Vermenschlichung des ewigen Logos. Und auch das fleischgewordene Wort will unsere Erlösung nicht ohne diese je-freie Hingabe der Menschen. Jesus Christus ruft deshalb Menschen in die Schule seiner Nachfolge. Das „Folge mir nach!“ ergeht als persönlicher Ruf an die Freiheit der Apostel. Der angenommene Ruf hat dann freilich weitreichende und radikale Konsequenzen; Petrus wird dem Herrn sagen: „Siehe, wir haben alles verlassen und sind dir nachgefolgt.“ (Mk 10,28; Mt 19,27) Der Verzicht auf irdische Lebensqualität, wie etwa der ehelichen Gemeinschaft, hat seinen Sinn in der Hinordnung auf das Reich Gottes: „propter regnum caelorum“ (Mt 19,12). Die in der Nachfolge ausgedrückte eschatologische Spannung läuft also auf eine Erfüllung in der kommenden Welt zu: „Amen, ich sage euch: Jeder, der um des Reiches Gottes willen Haus oder Frau, Brüder, Eltern oder Kinder verlassen hat, erhält dafür schon in dieser Zeit das Vielfache und in der kommenden Welt das ewige Leben.“ (Lk 18,29f.; vgl. Mt 19,29; Mk 10,29f) Wie im Alten Testament, so handelt es sich auch beim Ruf Jesu in die apostolische Nachfolge um einen souveränen göttlichen Akt, der nicht auf menschlicher Berechenbarkeit beruht und menschlichen Überlegungen nicht selten sogar widerspricht. Hans Urs von Balthasar hat in seinem Kommentar zu den Evangelischen Räten immer wieder die Stelle aus dem Markusevangelium betont: dass der Herr tatsächlich nur die zu sich ruft, „die er selbst wollte“ (Mk 3,13). Und er erwählt gerade das „Törichte“ und „Schwache“ in der Welt, ja „das, was nichts ist“ (1 Kor 1,27f), um sich so in seiner unfassbaren Weisheit zu verherrlichen.
Göttliche Initiative trifft also auf menschliche Freiheit. Wie wir es besonders eindrücklich auch bei Maria sehen, wird der Mensch dabei meist überrascht, oft erschreckt und immer zu einer Antwort herausgefordert. Diese grundsätzlichen Überlegungen sind nichts Neues, ich möchte daraus aber eine sehr konkrete Folgerung ableiten: Der Anruf Gottes, das überraschende Berufen-Werden durch Gott, ist ein unverzichtbarer Aspekt der christlichen Gottesoffenbarung, da sich hier die Geschichtsmächtigkeit Gottes manifestiert. Die konkrete Biographie des Gerufenen wird zur Manifestation der Heilsmacht Gottes, der spricht: „Seht, ich mache alles neu!“ (Offb 21,5) Folglich sind jene, die ihre Berufung erkannt und angenommen haben und leben, ein lebendiges Zeugnis, dass das Evangelium nicht bloß eine harmlose und bequeme Geschichte über die eventuelle (aber nicht wirklich ernstzunehmende) Ankunft des Reiches Gottes ist, sondern sie stehen durch ihre Lebensform für die Ernsthaftigkeit der von Christus eröffneten Zukunft ein.
Die Kirche hat die Lebensform der „evangelischen Räte“ daher immer als unverzichtbares Wesenselement hochgeschätzt: Geistliche Berufung verweist unmittelbar auf Gott, sie bezeugt, dass ER zu allen Zeiten der souverän Rufende bleibt; sie demonstriert, dass der christliche Glaube nicht lediglich ein selbstphantasiertes Märchen ist, das man erzählen kann, ohne Abstriche an einer bequemen weltlichen Existenz machen zu müssen.
Das bedeutet dann aber auch: Würde es keine Berufungen zur radikalen Christusnachfolge mehr geben, dann wäre das Christentum tot! Ohne geistliche Berufungen hätte der Gott der geschichtsmächtigen Selbstoffenbarung und des eschatologischen Heilsplanes abgedankt, hätte resigniert, hätte aufgehört, sich durch seine konkreten Eingriffe in unsere Geschichte zu manifestieren! Eine solche Vorstellung ist nicht nur paradox, sie ist auch unerträglich, ja theologisch gesehen sogar unmöglich! Es kann daher kein Erlöschen der Berufungen geben, denn das gliche dem Tod des Christentums. Wir können es uns gar nicht aussuchen, ob wir Berufungen wollen oder nicht! Im Heilsplan Gottes liegt seine bleibende Absicht begründet, das „Folge mir nach“ durch alle Zeiten in die Herzen konkreter Menschen zu sprechen. Da wir davon ausgehen können, dass Gott derselbe bleibt gestern, heute und in Ewigkeit, müssen wir davon ausgehen, dass er nicht aufhören wird, Menschen in seine Nachfolge und seinen Dienst zu rufen. Den Mangel an Berufungen können wir daher nicht Gott zum Vorwurf machen, sondern dieser Umstand hat offensichtlich etwas mit uns zu tun.


Aktuelle Aufgaben und
Herausforderungen


Ich möchte im Folgenden als Zisterzienser und Ordensmann einige konkrete Überlegungen zur Förderung insbesondere von (Ordens-)Berufungen anstellen. Ich schreibe dabei aus meiner Perspektive als Ordensmann und auf der Grundlage der Erfahrungen, die ich in meiner Verantwortung im Stift Heiligenkreuz machen konnte. Infolgedessen gehen meine Überlegungen stark von der Situation unserer Klöster aus. Sie gelten aber in vielerlei Hinsicht analog auch für unsere kirchlichen Gemeinden und lassen daher ebenso Rückschlüsse auf diesen Bereich kirchlichen Wirkens zu, wozu ich Sie ausdrücklich ermuntern will.
Für die Orden ist die Frage nach der Berufungspastoral der „articulus stantis et cadentis“. Viele Konvente, zumindest in der „westlichen Welt“, befinden sich in einer Situation des bedrückenden Berufungsmangels; viele sind bereits geschlossen, sehr viele mehr werden in der nächsten Zeit aussterben. Nichts ist aber gefährlicher als eine Stimmung der Resignation und Selbstaufgabe. Leider hat sich in einigen Gemeinschaften, wie auch in so mancher Kirchengemeinde, bereits eine „No-Future-Mentalität“ breitgemacht, die sich bspw. darin ausdrückt, dass man am liebsten gar nicht über den tristen Berufungsmangel nachdenken möchte. Hoffnung und Idealismus sind erloschen, man flüchtet sich in eine Mentalität des „Business as usual“, indem man einfach alles so lange weitermacht, wie es möglich ist.
Eine weitere Gefahr für Ordensgemeinschaften und für die Kirche als Ganze ist eine Haltung, die ich als „Gnadenfatalismus“ bezeichnen möchte. Es ist dies die Haltung des: „Da kann man nur noch beten!“ Die Förderung geistlicher Berufe fordert aber den ganzen Einsatz all unserer Kräfte. – Natürlich gibt es einen Primat der Gnade: Natürlich hängen die geistlichen Berufungen zuerst von unseren Gebeten ab. Unser Herr sagt ja: „Bittet also den Herrn der Ernte, Arbeiter für seine Ernte auszusenden!“ (Mt 9,38; Lk 10,2). Natürlich ist das Gebet um geistliche Berufe die Grundlage aller Tätigkeiten zur Förderung geistlicher Berufe. Natürlich hängt die Fruchtbarkeit unserer Unternehmungen von unseren vertrauensvollen Gebeten ab.

Aber das Gebet muss von einer vertrauensvollen Hoffnung motiviert sein; das Gebet muss daher einmünden in konkrete Anstrengungen, in konkrete Taten, in konkrete Zeichen und Handlungen. Wo steht in der Heiligen Schrift, dass das Gebet das alleinige und exklusive Heilmittel ist? Jesus hat die Jünger am Seeufer von Galiläa, die er berufen wollte, keineswegs niederknien lassen, um nur zu beten, sondern er hat sie auf den See zur Arbeit hinausgeschickt, um dort ihre Netze auszuwerfen: „Duc in altum!“ (Lk 5,4)1 Derselbe Herr, der seine Jünger auffordert, ohne Unterlass zu beten (vgl. Lk 21,36), hat sie konkret arbeiten und werken lassen, damit sie den gesegneten Fischfang einbringen konnten. Das vertrauensvolle Gebet – und Opfer – ist zwar die unverzichtbare Grundlage, aber es entfaltet seine Wirkung nur, wenn wir auch bereit sind, konkrete Maßnahmen zu ergreifen, die jungen Menschen ein Entdecken ihrer  Berufung ermöglichen. Wie sollen heute Menschen zu uns finden, wenn unsere Herzen und Türen verschlossen sind? Wir werden vom Herrn kein Lob empfangen, wenn wir unsere Talente – und hier meine ich konkret die Attraktivität eines geistlichen Lebens – vergraben und verstecken!
Nochmals: Der Vorrang der Gnade verurteilt uns gerade nicht zum Fatalismus und zur Passivität. Gott will, dass wir mit seiner Gnade mitarbeiten; wir sind – so der Leitspruch Benedikt XVI. – berufen, „cooperatores veritatis“ zu sein, „Mitarbeiter an Gottes Wahrheit“. Daher bin ich überzeugt, dass jede Gemeinschaft, auch die überalterten und geschrumpften, durchaus einige konkrete Dinge in kluger und frommer Weise tun können und tun sollten, um Gott mehr Möglichkeiten zu geben, uns Berufungen zu schicken. Ich verweise auch auf Papst Franziskus, der in seinem Apostolischen Schreiben „Evangelii Gaudium“ ausdrücklich dazu einlädt, originell zu sein, missionarisch zu sein, um in die Zukunft zu kommen.

Das Entscheidende ist meines Erachtens  unsere innere Offenheit und Sehnsucht nach Berufungen. Die Kernfrage, die wir uns stellen müssen, lautet: Wollen wir überhaupt geistliche Berufungen? Wollen wir sie mit ganzem Herzen und ganzer Kraft? Trauen wir es Gott überhaupt noch zu, unseren Klöstern und Gemeinden geeignete Berufungen zuzuführen? Oder haben wir schon aufgegeben? Oder lähmt uns vielleicht die uneingestandene Angst, dass wir durch neue Berufungen in den eingespielten Bahnen unseres Lebens gestört werden könnten?
Wenn ich im Folgenden eine Ermutigung zu geben versuche, so bitte ich ausdrücklich, nicht gleich zu urteilen in dem Sinn: „Ja, der kommt aus dem Stift Heiligenkreuz und redet leicht, weil er aus dem ‚status possidentis’ redet!“ Tatsächlich ist meine Gemeinschaft in der Zeitspanne meines Ordenslebens von 1982 bis 2018 von 42 auf 102 Mönche gewachsen.
Ich möchte hier ein klares Wort sagen: Ich finde es bedrückend, dass wir in der Kirche aufgrund einer latenten „Invidia Clericalis“, der klerikal-innerkirchlichen Eifersucht, die ich als das größte Gift der derzeitigen Kirchensituation wahrnehme, nicht bereit sind, die einfachste Grundregel jedes Erfolges zu beachten: Ahme den Erfolgreichen nach! Kopiere die Stärken, lerne von jenen, die wachsen und fruchtbar sind. Sechzehn Jahre war ich für die Jugendseelsorge und damit für die Berufungspastoral in meinem Kloster verantwortlich. Immer habe ich in den fruchtbaren Gemeinschaften, Bewegungen und Orden geschaut, was gut, was nachahmenswert, was zukunftsfähig, was fruchtbringend ist – und dies nach Möglichkeit in Heiligenkreuz implementiert. Es gibt in der Pastoral keine Plagiatsgesetze, im Gegenteil. Plagiat ist Pflicht, wo es um etwas geht, das der Geist Gottes geschenkt hat. Es gilt das Wort des Paulus: „Ahmt mich nach!“ (Phil 3,17) Und wo der Stolz dies verhindert, dort hat es eine Gemeinschaft mit Recht verdient, auszusterben.
Wir brauchen also konkrete Maßnahmen zur Förderung von Berufungen. Bitte tun wir etwas! Wir müssen es nicht schon im ersten Schritt perfekt tun, denn etwas zu tun, ist besser, als gar nichts zu tun. In einem zweiten Schritt kann man dann ja das „Etwas“ noch verbessern…


Was eine Gemeinschaft oder Gemeinde konkret unternimmt, kann verschieden sein. Es gibt dabei jedoch eine Grundoption: Wir sind nie die „Manager“ oder „Macher“ von Berufungen, das ist allein Gott. Er ist originärer Urheber, Autor einer geistlichen Berufung. Was wir aber machen können und müssen, ist, Situationen und Atmosphären zu schaffen, wo dieser Ruf Gottes erlauscht werden kann. Das heißt konkret: Wir müssen jungen Menschen die Möglichkeit geben, unser Ordens- und Glaubensleben konkret kennenzulernen! Hier müssen wir aktiv werden. Und es genügt mittlerweile nicht mehr, bloß im Internet mit einer (hoffentlich gut gestalteten) Homepage präsent zu sein. Damit junge Leute kommen, brauchen wir ein proaktives Präsentsein in den sozialen Netzwerken.

Warum klopfen die Interessenten nicht mehr von selbst und automatisch an unsere Klosterpforten und Kirchentüren? Der Grund dafür liegt im Wandel des kirchlichen Lebens. Die Saatbeete, wo früher Berufungen wachsen konnten – lebendige Pfarren, wo gefeiert und gebetet wurde, oder Kleine Seminare [kirchl. Internat für Jugendliche, die den Wunsch haben, Priester zu werden], wo man geistliches Leben erschnuppern konnte –, sind ausgetrocknet. Es gibt sie so gut wie nicht mehr. Daher ist es die oberste Pflicht jeder Ordens- und kirchlichen Gemeinschaft, die nicht dem Schicksal der Dinosaurier anheimfallen möchte, solche Saatbeete selbst, bei sich oder um sich herum, zu schaffen. Berufungen geschehen heute nicht mehr in einer „abstrakten“ Weise: dass jemand sich zuerst im Allgemeinen bewusst wird, bspw. Ordensmann oder Ordensfrau zu werden, und erst dann nach einer bestimmten Gemeinschaft Ausschau hält, wo er diese Berufung konkret leben kann. Viele Berufungen in Heiligenkreuz sind gekommen, weil es dort eine lebendige Jugendseelsorge, eine vitale Hochschule gibt, oder auch, weil es das niedrigschwellige Angebot von geistlichen Kraftsportwochen gibt. Fast keiner meiner Mitbrüder ist nach Heiligenkreuz schon in dem Wissen gekommen, dass er eine geistliche Berufung hat. Die meisten kamen aus anderen Motiven und haben erst durch das Kennenlernen des liturgischen, monastischen und gemeinschaftlichen Lebens ihre Berufung entdeckt.

Ich betone mein Anliegen noch einmal: Weil das früher übliche „Vorfeld“ von Berufung nicht mehr funktioniert, sind wir gleichsam eingeladen, solche Vorfelder zu schaffen. Weil die Nachfolge Christi in Pfarre und Familie nicht mehr oder zu wenig erlebt werden kann, müssen wir „Räume“ und „Möglichkeiten“ für die Menschen schaffen, die zu uns kommen, um bei uns etwas davon zu erfahren. Gerade hier haben unsere Gemeinschaften eine große Chance. Kraft unseres geprägten Lebensstiles haben wir sogar besondere Möglichkeiten. Je geprägter und profilierter eine Ordensgemeinschaft ist, desto interessanter ist sie! In solchen Häusern lässt sich ja Gebet, Christusnachfolge, Gemeinschaft usw. gleichsam sinnenfällig erfahren. Junge Menschen brauchen diese Kategorie der „Erfahrung“ dessen, was es heißt, Christus ganz nachzufolgen.
Wir lesen in den Evangelien, wie Jesus die Jünger durch konkrete Worte und Gesten angesprochen und zur Nachfolge eingeladen hat. Vielleicht ist uns zu wenig bewusst, dass immer noch viele Menschen die Frage im Herzen tragen, die auch die Jünger bewegte: „Meister, wo wohnst Du?“ (vgl. Joh 1,38) Die Menschen interessieren sich für das geistliche Leben in der Nachfolge Christi und würden gerne das Wort hören, mit dem Philippus den – zunächst sogar skeptischen – Natanael zu Jesus eingeladen hat: „Komm und sieh!“ (Joh 1,46) Papst Johannes Paul II. nennt diese Einladung „die goldene Regel der Berufungspastoral“.

Die Liebe der Jünger zu Jesus ist also die Konsequenz des Kennenlernens und Erkennens Jesu. Nach Augustinus gibt es ohne vorausgehendes Erkennen weder Wollen noch Lieben. Das Erkennen vermittelt sich durch die Sinne, wie es Thomas von Aquin in dem berühmten Axiom formuliert hat: „Nihil est in intellectu, quod non antea fuerit in sensu.“ Somit ist die sinnlich-emotionale Vermittlung eine ganz wesentliche Kategorie in der Berufungspastoral. Es ist wichtig, eine starke konkrete Erfahrung von geistlichem Leben zu vermitteln. Gerade auf säkulare Menschen wirkt das feierliche Gebet, die ausdrucksvolle Kleidung, die besinnliche Stille, die geschwisterliche Fröhlichkeit in der Gemeinschaft usw. überaus beeindruckend. Ich wiederhole nochmals meine Beobachtung: Je sinnenfälliger, je profilierter, je „aussteigerischer“ sich Ordensleben darstellt, desto attraktiver ist es für junge Menschen. Ähnliches gilt sicherlich auch für die gelungene Gestaltung von liturgischen Feiern und die Erfahrungen von Gemeinschaft innerhalb einer Pfarrgemeinde.
Für Ordensgemeinschaften möchte ich postulieren, dass man unbedingt eine Verantwortliche für Jugendpastoral / Berufungspastoral ernennt und mit höchsten Kompetenzen ausstattet. Es ist wichtig, dass dieser Dienst in der Gemeinschaft durch ein Amt sichtbar wird, mit Autorität und Kompetenz ausgestattet ist. Denn wenn dieses Officium gut besetzt ist und gut wirken kann, dann hat eine Gemeinschaft Chance auf Zukunft. Andernfalls wird sie sterben. Diese „Magistra vocationum“ bzw. dieser „Magister vocationum“, wie dieses Amt bei uns im Zisterzienserorden seit 2005 genannt wird, muss nicht jung sein, aber er muss ein offenes Herz für junge Menschen haben, sich um Kontakt mit ihnen bemühen und konkrete Möglichkeiten schaffen, wie junge Leute unsere Gemeinschaften kennenlernen können. Vielleicht könnte es auch für unsere Kirchengemeinden ein spannendes „Experiment“ sein, über die Einführung eines solchen „Amtes“ nachzudenken. Vielleicht könnte auch hier durch die Betrauung einer Person mit einer solchen Aufgabe die Frage der Berufung ein konkretes Gesicht erhalten und somit in neuer Weise ins Bewusstsein gelangen.

Ich wiederhole: Etwas tun ist immer besser als gar nichts tun! Auf Perfektion legt der berufende Gott keinen Wert, sondern auf die gute Absicht. Und dann braucht es Beharrlichkeit, Geduld, frohe Offenheit gegenüber Kommenden, aber auch klare Nicht-Zulassung von Menschen, die in die Gemeinschaft kommen oder auf ein Amt hindrängen, obwohl sie aufgrund psychischer oder anderer Problematiken nie zu einem Ordensleben oder zu einem Dienst in der Kirche fähig wären. Und es braucht Gebetsveranstaltungen oder Gebetskreise, die um Berufungen für die Kirche und für einzelne (Ordens-)Gemeinschaften beten.
Das größte Geschenk, das wir Menschen, die in unsere Ordensgemeinschaften kommen, machen können, ist, dass wir ihnen Anteil geben an unserer Gottesbeziehung – und auch dies gilt in vergleichbarer Weise für unsere Kirchengemeinden. Wir brauchen ihnen keine künstliche Welt vorzuspielen. Das würden sie schnell durchschauen. Was wir ihnen aber „ungeniert“ zeigen sollten, ist unsere eigene Liebe zu Gott.

Abschließend möchte ich nochmals ein Plädoyer für einen gesunden Optimismus halten und zu Zuversicht ermutigen.  Wir werden Berufungen haben, wenn wir den Mut haben, authentisch zu sein. Wir werden Berufungen haben, wenn wir sie offen und ehrlich wollen und von Gott erbitten. Wir werden Berufungen haben, wenn wir uns im Herzen von einer klaustrophilen und kleinkrämerischen Stimmung befreien und Gott wieder Wunder der Vermehrung zutrauen. Und bei allem gilt: Gott will unsere kluge und demütige Mitarbeit.