P. Bruno Rieder OSB

Dr. phil., Lic. theol., geboren 1961 in Vals/Graubünden (Schweiz). Seit 1988 Benediktiner der Abtei Disentis (Schweiz). Studium der Germanistik, Philosophie, Geschichte in Zürich sowie der Theologie in München. 1991 Promotion in Germanistik. 1997 Priesterweihe. Seit 1997 Novizenmeister. Lehrer am Gymnasium der Abtei Disentis, Jugendseelsorger, Exerzitienmeister.

Suche Frieden und
jage ihm nach!

 

 

Da saß ich also. Vor vier Stunden hatte ich die Schwelle ins Benediktinerkloster überschritten. Ein junger Mönch hatte mich empfangen, mir die ersten Informationen gegeben und mich auf mein Zimmer geführt. Die definitive Noviziatszelle war noch im Umbau, so dass ich mich in einem viel zu großen Vierer-Zimmer des Internats wiederfand. Rings um mich Bananenschachteln mit meinen Büchern und Habseligkeiten. Ich war ins Kloster eingetreten, ich hatte endlich nach langem Suchen und Abwägen den Entscheid gefällt. Und doch fühlte ich mich etwas verloren. Was kommt nun auf mich zu? Was bedeutet die Berufung zum Mönch konkret? Was erwartet Gott von mir, wenn er mich hierher berufen hat?Um in diesem Gewirr von Gedanken irgendwie Halt zu finden, griff ich zum ersten Buch auf dem Schreibtisch. Es war die Mönchsregel des heiligen Benedikt. Ich begann zu blättern, eher oberflächlich zu lesen. Plötzlich hielt ich inne, ein Satz im Prolog der Regel, genauer eine Frage hatte mich gepackt: «Wer ist der Mensch, der das Leben liebt und gute Tage zu sehen wünscht?» Ich begann den Abschnitt, in dem diese Frage vorkam, genauer zu lesen – und entdeckte: Das ist meine eigene Berufungsgeschichte! Das sind die Antworten auf die Fragen, die mich gerade umtreiben.

 

Berufung aus der Sicht des Benedikt von Nursia
Der Herr sucht einen Arbeiter für sich

«Der Herr sucht in der Volksmenge, der er dies zuruft, einen Arbeiter für sich und sagt wieder: Wer ist der Mensch[...]?» (Regula Benedicti (RB) Prolog 14f.) So beginnt der Text, so beginnt jede Berufungsgeschichte. Die Initiative geht vom Herrn aus, von Jesus Christus. Sein Ruf gilt allen Menschen, doch die Geschichte beginnt damit, dass ein bestimmter Mensch aus der «Volksmenge» herausgerufen wird, sich persönlich angesprochen weiß. Es geht ihm wie dem Esel beim Einzug Jesu in Jerusalem: «Der Herr braucht ihn.» (Mk 11,3) Er sucht einen Arbeiter für sich, einen, der mitwirkt am Werk Gottes. «Da fragten sie ihn: Was müssen wir tun, um die Werke Gottes zu vollbringen? Jesus antwortete ihnen: Das ist das Werk Gottes, dass ihr an den glaubt, den er gesandt hat.» (Joh 6,28f.) Damit ist das Wichtigste gesagt, damit Berufung gelingt: Jesus in die Mitte meines Lebens stellen – mit den Worten Benedikts: «Der Liebe Christi nichts vorziehen.» (RB 4,21)
Damit ist das Berufungsgeschehen schon in Fahrt gekommen. Doch bevor der Herr den Einzelnen erwählt, hat er bereits der Menge etwas zugerufen, eine Vorbedingung, damit Gottes Ruf ankommen kann: «Kommt, ihr Söhne (und Töchter), hört auf mich! Die Furcht des Herrn will ich euch lehren.» (RB Prolog 12; vgl. Ps 34,12)
Wer sich aus Angst vor Neuem abschottet, wer in Rechthaberei gefangen ist, wer sich von niemandem etwas sagen lässt, der ist unfähig zum Hören, der vermag sich nicht zu öffnen auf den, der ihn unendlich übersteigt und dem er sich verdankt: auf Gott. Der Herr ruft der Volksmenge noch ein Weiteres zu: «Lauft, solange ihr das Licht des Lebens habt, damit die Schatten des Todes euch nicht überwältigen.» (RB Prolog 13; vgl. Joh 12,35) Ich selber hatte irgendwie den Ruf Christi schon früh wahrgenommen, war aber lange Zeit nicht bereit, mich zu entscheiden; wollte solange wie möglich viele Optionen offenhalten. Bis ich dann eines Abends gegen Ende meines Studiums plötzlich sehr deutlich die Sehnsucht meines Herzens vernahm: «Ich suche etwas, woran ich mein Leben ganz hingeben kann.» Eine göttliche Fügung war es dann, dass ich kurz darauf in ignatianische Kurzexerzitien hineingeriet, die mich mit der Frage meiner Lebenswahl konfrontierten. Es war Zeit, dem Ruf zu folgen, die Arbeitsstelle im Weinberg des Herrn anzutreten (vgl. Mt 20,1-16). Den Schritt vom Suchen zur Entschiedenheit empfand ich als große Befreiung.


Das Leben wollen

Welche Qualifikationen muss ich für die neue Arbeitsstelle mitbringen? Ein mit dieser Frage verbundenes Unbehagen wollte mich in den ersten Stunden im Kloster bedrängen. Welche Bilanz wirst du in fünfzig oder sechzig Jahren, am Ende deines Klosterlebens ziehen können? Und da kam mir dieses überraschende Wort entgegen: «Wer ist der Mensch, der das Leben liebt und gute Tage zu sehen wünscht?» (Ps 34,13) Ein erstes, noch oberflächliches Hören dieses Psalmverses lässt bereits aufatmen. Das habe ich doch gesucht: ein sinnvolles, lohnendes, ein erfülltes Leben; einen Ort, wo ich meine Gaben und Fähigkeiten einbringen kann, wo ich gebraucht werde.

Ein zweites, genaueres Hinhören erschließt, dass Ordensleben mehr ist als ein lebenslanges Ferienlager, mehr befriedigt als den Drang nach Selbstverwirklichung. Der Mensch wird erst wahrhaft er selbst, wenn er sich selber übersteigt hin auf ein Du.
«Das Leben» und «die guten Tage» sind deshalb nicht bloß meine Existenz, sondern vor allem Christus, der von sich spricht: «Ich bin das Leben.» (Joh 14,6) Für die Kirchenväter ist Christus auch der «wahre Tag»
(vgl. Ps 118,24; Röm 13,12). Angesichts von Tod und Leben gilt es, sich zu entscheiden: «Hiermit lege ich dir heute das Leben und das Glück, den Tod und das Unglück vor. […] Wähle also das Leben, damit du lebst, du und deine Nachkommen.» (Dtn 30,15.19) Benedikt schreibt deshalb wörtlich gemäß dem lateinischen Psalmtext: «Wer ist der Mensch, der das Leben will?» Wollen ist mehr als bloßes Wünschen, ist Einsatz der gesamten Existenz.
Der Ruf Christi ergeht an die unvertretbare Freiheit des Menschen. Der Prolog fährt im Anschluss an die Frage Jesu deshalb fort: «Wenn du das hörst und antwortest: ‘Ich’.» (RB Prolog 16) Nichts anderes als das Ich, als die ganze Person ist in die Antwort gerufen. Das erinnert mich an eine mehrmals erlebte Situation in der Begleitung von jungen Menschen. Sie erfuhren eine eigenartige Ambivalenz: «Ich suche nach meiner Berufung, aber ich kann einfach nicht erkennen, wohin genau mich Christus ruft.» Oft half ein Perspektivenwechsel, den Knoten zu lösen: «Frage dich, besser besprich mit Jesus im Gebet, ob du überhaupt bereit bist, dich Christus ganz zu überlassen, ob es nicht etwas in dir gibt, das dich an der Hingabe hindert.» Bindung setzt Freiheit voraus. «Zur Freiheit hat uns Christus befreit.» (Gal 5,1) Wer sich entscheidet, dem Ruf Christi zu folgen, der aktualisiert sein Taufversprechen: «Ich widersage – ich glaube.»

Als neuer Mensch leben

Ein Mensch ist also bereit, auf den Ruf Christi zu hören und ihm zu folgen. Was bedeutet das nun konkret? «Dann sagt Gott zu dir: ‘Willst du wahres und unvergängliches Leben, bewahre deine Zunge vor Bösem und deine Lippen vor falscher Rede! Meide das Böse und tu das Gute; suche Frieden und jage ihm nach!’» (Prolog 16f.) Benedikt fährt fort, Worte aus Psalm 34  (V. 14-15) zu verwenden, um die Konsequenzen der Entscheidung für Christus zu benennen. Der Psalm 34 wurde in der Alten Kirche jedem erwachsenen Taufbewerber übergeben, damit er wusste, nach welchem Maßstab er sein Leben zu gestalten habe. Ist er künftig bereit, sein Menschsein zu verwirklichen, indem er wahre Mitmenschlichkeit lebt?
Zu beachten ist dabei: Worte sind oft destruktivere Waffen als Messer und Pistole. «Das eigene Wort, wer holt es zurück, das lebendige – eben noch ungesprochene Wort? […] Besser ein Messer als ein Wort. Ein Messer kann stumpf sein. Ein Messer trifft oft am Herzen vorbei. Nicht das Wort.» (Hilde Domin) Schweigen ist deshalb nicht nur unabdingbare Voraussetzung, um den Ruf Gottes zu hören, sondern oft auch ein Werkzeug der Nächstenliebe und des Friedens. Damit jedoch die Messer-Worte gar nicht erst entstehen, braucht es eine Verwandlung des Herzens. Denn: «Was aus dem Mund herauskommt, das kommt aus dem Herzen.» (Mt 15,18)
Innere Neuschöpfung – das liegt außerhalb bloß menschlichen Vermögens. Solches kann nur die Gnade Gottes wirken. Die Formulierung «Meide das Böse und tu das Gute!» erinnert deshalb an die Taufe: die Absage an den Bösen und das Bekenntnis zu «dem Guten, Gott, dem Einen» (vgl. Mk 10,18).
Um die Gemeinschaft mit diesem Guten schlechthin, um das «ewige Leben zu gewinnen», rät Jesus, über das Einhalten der Zehn Gebote hinauszugehen: «Geh, verkaufe, was du hast; […] dann komm und folge mir nach!» (Mk 10,21) Das Berufungsgeschehen läuft also stets neu auf den einen Fluchtpunkt zu: die Bindung an die Person Jesu Christi. Im Lebensvollzug wahr werden lassen, was in der Taufe geschehen ist: «Wisst ihr denn nicht, dass wir alle, die wir auf Christus Jesus getauft wurden, auf seinen Tod getauft worden sind? Wir wurden mit ihm begraben durch die Taufe auf den Tod; und wie Christus durch die Herrlichkeit des Vaters von den Toten auferweckt wurde, so sollen auch wir als neue Menschen leben.» (Röm 6,3-4) Schon der Verfasser von Psalm 34 wusste, dass die Weisung Gottes nur in die Tat umsetzen kann, wer sich von Gott gerettet weiß und sich der Güte Gottes vertrauensvoll überlässt: «Kostet und seht, wie gütig der Herr ist; wohl dem, der zu ihm sich flüchtet! […] Reiche müssen darben und hungern; wer aber den Herrn sucht, braucht kein Gut zu entbehren.» (Ps 34,9.11)

Christus ist unser Friede

Das Leben als neuer Mensch kulminiert im Befolgen der letzten Aufforderung des Psalmzitats: «Suche Frieden und jage ihm nach!» (Psalm 34,15) «Frieden» im umfassenden Sinn als Frieden im eigenen Herzen und als versöhntes Zusammenleben wurzelt in dem, der der Friede in Person ist: Jesus Christus «ist unser Friede» (Eph 2,14). Ob jemand seine Berufung annimmt, zeigt sich in seinem Tun, erweist sich vor allem darin, wem er «nachfolgt». In der lateinischen Version des Psalms heißt es nämlich wörtlich: «Erforsche (inquire) den Frieden und folge (sequere) ihm nach.» Jedes biblisch geschulte Ohr hört darin die Einladung zur Nachfolge Jesu als Kernelement der Jüngerschaft. In den Spuren Jesu kann nur gehen, wer mit ihm in intimer Weise vertraut ist, wer ihn immer tiefer «erforscht». Friede, wie Benedikt ihn versteht, ist das Gegenteil von Stillstand oder Grabesruhe. Weil er auf den Fluchtpunkt Christus orientiert ist, aktiviert er alle Lebenskräfte des Menschen, sein leidenschaftliches Streben nach dem Wahren und dem Guten. Solcher Frieden ist kein bloßer Zustand, sondern intensive Beziehung.
Der Friede Christi wirkt sich aus auf alle Dimensionen menschlicher Beziehung: zu Gott, zu den Mitmenschen, zu sich selbst. Zu Beginn seiner Regel formuliert Benedikt, worum es im Christen- und Mönchsleben geht: durch Gehorsam zu dem zurückkehren, den der Mensch «durch Trägheit des Ungehorsams verlassen hat» (RB Prolog 2). Das Leben des Getauften ist eine immer neu zu realisierende Rückkehr zu Gott, von dem ihn die Sünde getrennt hat. Christus ist der Friede, weil er die Versöhnung mit Gott-
Vater erwirkt hat. Christlicher Gehorsam nimmt Maß am Gehorsam Christi: «Meine Speise ist es, den Willen dessen zu tun, der mich gesandt hat.» (Joh 4,34) Dieser Wille des Vaters ist die Liebe. Deshalb findet man in der Benediktsregel Frieden und Liebe in einem engen Zusammenhang. Kapitel 65 nennt die «Wahrung des Friedens und der Liebe» als oberste Richtschnur bei der Gestaltung des Zusammenlebens. Einen aktiven Beitrag dazu leistet jemand, wenn er gemäß dem Beispiel Jesu nicht am Kampf um Status, Ansehen und Macht teilnimmt. «Wer der Erste sein will, soll der Letzte von allen und der Diener aller sein.» (Mk 9,35) Mit der Taufe und der Aufnahme in den Leib Christi werden alle bisher geltenden Hierarchien bedeutungslos. «Es gibt nicht mehr Juden und Griechen, Sklaven und Freie, nicht Mann und Frau; denn ihr alle seid ‘einer’ in Christus.» (Gal 3,28) Damit diese Form des sozialen Friedens konkret wird, bestimmt Benedikt, dass die Rangordnung im Kloster sich allein nach dem Kriterium des Eintrittsalters zu richten habe. Entsprechend dieser Rangordnung «sollen die Brüder zum Friedenskuss und zur Kommunion gehen, einen Psalm vortragen und im Chor stehen.» (RB 63,4)

Das Böse an Christus zerschmettern

Alle strukturellen Maßnahmen zur Sicherung des Friedens hängen letztlich in der Luft, wenn nicht der einzelne Mensch nach dem Frieden in seinem Inneren strebt. Nach den Mönchsvätern bedeutet dies: Kampf gegen die Leidenschaften und damit Suche nach der Reinheit des Herzens. Diese kann gefährdet sein durch ein ganzes Arsenal an Versuchungen, von «Gedanken», wie sich die alten Mönche ausdrückten. Ein Beispiel solch böser Gedanken findet sich im erwähnten Kapitel 65 über die Einsetzung des Priors, welche unter Umständen den Frieden in der Gemeinschaft massiv stören kann. Als Hauptursache dieser schweren Konflikte nennt Benedikt «den bösen Geist des Stolzes», der den Prior befällt. «Seine Gedanken flüstern ihm nämlich zu, er sei unabhängig von der Autorität des Abtes. (…) Daraus entstehen Neid, Auseinandersetzungen, Verleumdungen, Eifersucht, Spaltungen und Unordnung.» (RB 65,2.5-6)
 Das Heilmittel gegen solche Gedanken nennt Benedikt im Prolog der Regel. Frei von zerstörerischen Leidenschaften bleibt, «wer den Bösen, den Teufel, der ihm etwas einflüstert, samt den Einflüsterungen aus dem Blickfeld seines Herzens vertreibt und zunichte macht; wer solche Teufelskinder von Gedanken packt und an Christus zerschmettert.» (RB Prolog 28) Den inneren Frieden, einen reifen Umgang mit seinen Gefühlen, Affekten, Stimmungen, Bedürfnissen, auch einen gelassenen Umgang mit seelischen Verletzungen findet also nur, wer «wirklich Christus sucht» (vgl. RB 58,7). So umschreibt Benedikt zugleich das Kriterium, gemäß dem geprüft werden soll, ob eine Berufung echt ist.
Der Herr, der uns einlädt

Wenn einer sein Leben auf Jesus Christus ausrichtet, dann darf er gewiss sein, dass seine Zuwendung erwidert wird. «Wenn ihr das tut, blicken meine Augen auf euch, und meine Ohren hören auf eure Gebete; und noch bevor ihr zu mir ruft, sage ich euch: Seht, ich bin da.» (RB Prolog 18)  Christi Zuwendung ist keine Belohnung für spezielles Wohlverhalten, sie ist zuerst unverdiente Gnade. Sein Ruf geht unserem Rufen stets voraus. Seine erwählende Gegenwart ist immer schon früher als meine Bereitschaft. „Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt.“ (Joh 15,16)


Zurück zu meinem ersten Tag im Kloster: Ich war dem Berufungsdialog mit Christus gefolgt, den ich im Prolog der Benediktsregel gefunden hatte. Am Ende stand die unbedingte Zusage Gottes: «Seht, ich bin da.» Da kehrte Frieden in mein aufgewühltes Inneres ein. Mit großer Zuversicht wollte ich mich auf den Weg machen – im gelassenen Bewusstsein: Am Ende dieses Weges wirst du kein perfekter Mönch sein, du wirst Gott nur Fragmente übergeben können. Doch er wird die Fragmente zu einem Ganzen fügen. Von Herzen stimmte ich ein in das Schlusswort Benedikts: «Liebe Brüder, was kann beglückender für uns sein, als dieses Wort des Herrn, der uns einlädt? Seht, in seiner Güte zeigt uns der Herr den Weg des Lebens.» (RB Prolog 19f.)