Heute nach
Berufung fragen

Was verstehen junge Menschen heute unter dem Begriff der Berufung? Diese Frage haben wir Magdalena Häffner gestellt. Sie ist seit langem in der kirchlichen Jugendarbeit als Gruppenleiterin tätig und hat als eine von acht Vertreterinnen und Vertretern der deutschen Jugendlichen an der Vorsynode der Synode „Die Jugendlichen, der Glaube und die Berufungsunterscheidung”  im Oktober 2018 in Rom teilgenommen Dort hat sie sich im Austausch mit vielen jungen Menschen aus der ganzen Welt mit der Frage der Berufung auseinandergesetzt.


Die eigene Berufung zu ent­decken und zu leben, ermöglicht einen Brückenschlag zwischen den christlichen Werten, der Bibel, der Theologie und dem konkreten, persönlichen Leben. Darin wird deutlich, dass der Glaube nicht nur ein theoretisches Gedankengebilde ist, sondern ganz praktische Auswirkungen hat – individuell und einzigartig für jeden. Als Christin führt mich die Beschäftigung mit dem Thema Berufung zu der Frage, welchen Plan Gott für mich hat: Wofür hat er mich gedacht? Wo sieht er mich in dieser Welt? Und die Antworten auf diese Fragen fallen für jede und jeden von uns anders aus. Sie können sehr weitreichend und vielfältig sein und (unterschiedlich) tief gehen. Sie können sich aber auch auf ganz einfache Entscheidungen auswirken, in denen sich Einstellun­gen und Werte im Alltag widerspiegeln: Möchte ich beim Einkauf regionale Produkte unterstützen? Ist mir meine Umwelt so viel wert, dass ich dafür auf Fahrrad, Bus und Bahn umsteige, oder soll ich mir ein Auto kaufen? Die Frage der Berufung kann aber auch in sehr umfassende Lebensentscheidungen münden. Und so wird sie meist auch verstanden. Will ich heiraten oder lieber alleine leben? Will ich Priester oder Ordensschwester werden? Möchte ich eine Familie gründen oder mich bewusst dagegen entscheiden und stattdessen dafür, mein ganzes Leben für die Kirche oder z.B. auch eine bestimmte Gemeinschaft einzusetzen?

Mit ähnlichen Fragen beschäftigen sich auch der Kirche Fernstehende, nur verstehen sie ihre Überlegungen vermutlich weniger religiös. Wohl jeder Mensch fragt irgendwann einmal nach dem Sinn des Lebens, danach, welchen Platz oder welche Rolle er in dieser Welt innehat. Besonders in der Adoleszenz, dem Jugendalter, der Pubertät (oder wie man die Phase zwischen Kindheit und Erwachsensein auch nennen möchte) sind viele auf der Suche nach ihrer Identität. Es gehört zum Erwachsenwerden, dass man sich selbst profiliert, Werte festlegt, an denen man sich ausrichtet und sein Gewissen ausbildet. Man ist damit konfrontiert, auch weitreichende Entscheidungen treffen zu müssen. Für uns als Christen stellt sich diese Frage zudem vor dem Angesicht Gottes. Wir fragen uns dabei, wie Gott uns sieht: Das ist der wesentliche Punkt, wenn wir im christlichen Sinn von Berufung sprechen.


Berufung und Identität

Berufung und Identität gehören für mich deshalb unmittelbar zusammen. Meiner Identität entsprechend kann ich beispielsweise entscheiden, welcher Beruf zu mir passt. Durch die Entscheidung für einen bestimmten Beruf entwickle ich aber zugleich auch wiederum eine Identität für eine bestimmte Berufssparte. Um in einen solchen Prozess der Identitäts- und Berufungsfindung eintreten zu können, gilt es zunächst, sich zu orientieren.
Das beginnt schon sehr früh, bereits bei der Frage, woran wir als Kind Maß nehmen. Selbstverständlich finden wir da bei unseren Eltern, bei unseren Geschwistern, bei unseren Bezugspersonen Orientierung. Es ist aber auch nachgewiesen, dass wir viel von Gleichaltrigen abschauen und lernen. Je älter wir werden, umso stärker beeinflusst genau diese Gruppe von Freunden, Bekannten und Gleichgesinnten uns und unsere Entscheidungen, und so stellt diese sogenannte „Peergroup“ beim Erwachsenwerden einen wichtigen Bezugsrahmen dar. In dieser Gruppe teilt man meist einen ähnlichen Lebensstil, kommt aus ähnlichen sozialen Milieus, tauscht sich (auf Augenhöhe) aus und verbringt ab einem gewissen Alter mehr Zeit miteinander als mit seiner Familie. Man vergleicht sich untereinander und orientiert sich aneinander.

Etwas Ähnliches wie eine solche Peergroup gibt es – pointiert ausgedrückt – auch in unserer Kirche: etwas, das ich als eine „Peergroup der Heiligen“ bezeichnen möchte. Die Heiligen können für uns Vorbilder in Berufungsfragen sein. Auch sie haben sich einmal ähnlichen Fragen gestellt, vor denen wir heute stehen. Auch sie haben sich vor manchen Entscheidungen gedrückt und wollten erst – gar nicht so selten – den bequemen Weg gehen, bevor sie spürten, wofür ihr Herz schlug. Ein Paradebeispiel dafür ist Maria mit ihrem Gottvertrauen. Als sie von Gott berufen wurde, Jesus auf die Welt zu bringen, war sie selbst noch auf dem Weg, erwachsen zu werden. Sie wusste nicht, was Gott mit ihr vorhatte, aber sie hat bedingungslos vertraut und mit ihrer Aussage „mir geschehe, wie du es gesagt hast“ (Lk 1,38) ihr „Ja“ zu seinen Plänen gegeben. Sie bot Gott sich selbst gewissermaßen als ein weißes Blatt Papier an, das er beschreiben durfte.

Nun wird der ein oder andere vielleicht sagen: Schön und gut, was Maria getan hat, mag sich damals zugetragen haben, aber es betrifft uns heute ja nicht mehr. Doch da bin ich anderer Meinung, denn ich glaube, auch heute können uns Heilige und überzeugte Christen aus unserem Lebensumfeld, z.B. unsere Großeltern, ein Vorbild sein. Wenn wir uns mit ihnen auseinandersetzen, können wir durchaus Parallelen zu uns, zu unseren heutigen Entscheidungen und Problemen entdecken und auf diese Weise im Vorbild der Heiligen Orientierung finden.


Bezug zur Gegenwart

Wichtig ist bei all dem, einen Bezug zur Aktualität herzustellen. Denn wenn der Fokus in der Vergangenheit verhaftet bleibt, ist ein Brückenschlag zur heutigen Berufungsfrage nicht möglich. Papst Franziskus will mit der Synode „Die Jugendlichen, der Glaube und die Berufungsunterscheidung“, die im Oktober 2018 stattgefunden hat, auch der heutigen Berufungsfrage in der Kirche nachspüren. Für uns junge Christen ist es wichtig, eine Verbindung zu den Berufungszeugen aus der Geschichte unseres Glaubens zu haben – dafür stehen die Heiligen und nochmal in herausgehobener Weise Maria. Es ist allerdings genauso bedeutsam, den Blick in unsere Zeit zu werfen und auf dem Fundament des Glaubens der Kirche danach zu fragen, wie Berufung heute verstanden werden kann oder muss. Deshalb hatte der Papst bereits im Vorfeld der Synode  im März 300 Jugendliche, die nicht nur christlichen, sondern auch islamischen und jüdischen Glaubens sowie atheistisch waren, zu einer Vorsynode eingeladen. Ziel dieser Zusammenkunft in Rom war es, ein Vorbereitungsdokument zu erstellen, das die Lebenswelten junger Menschen beschreibt und das den Bischöfen während der Synode im Herbst als Diskussionsgrundlage diente. Schon im Blick auf die Unterschiedlichkeit der teilnehmenden Jugendlichen aus fast allen Ländern der Welt wäre es zu einfach, hier von einem Dokument über ‚die Jugendlichen‘ zu sprechen. Wenn man sich bewusst macht, wie verschieden schon die Lebenswelten der ca. 13 Millionen Jugendlichen und jungen Erwachsenen (zwischen 16 und 29 Jahren) allein in Deutschland aussehen – wie wird das dann erst im Blick auf die 1,8 Milliarden jungen Menschen weltweit sein? All diese Lebenswelten in ein 16-seitiges Dokument zusammenzufassen, ist unmöglich. Dennoch ist es uns während der Vorsynode recht gut gelungen, Gemeinsamkeiten und Unterschiede, besondere Aspekte und vor allem auch spezifische Probleme und Wünsche der Jugendlichen in den verschiedenen Teilen der Welt herauszuarbeiten.


Junge Menschen einbeziehen

Noch etwas anderes ist von Bedeutung: Zweifel und Unsicherheit gehören zu einer jeden Berufungsgeschichte (sogar notwendig) dazu. Gerade dann braucht es aber eine gute Begleitung und Hilfe für die Unterscheidung der Geister durch die Kirche. Fatal wäre es, wenn junge Menschen den Eindruck hätten, dass die Vertreter der Kirche sie mit ihrer Unsicherheit allein lassen. Deshalb war es Papst Franziskus im Vorfeld der Synode so wichtig, zu erfahren, wo junge Menschen in der Kirche Probleme wahrnehmen, was sie sich von der Kirche wünschen und wie es gelingen könnte, dass die Vertreter der Kirche lebensnah für die Jugendlichen da sind. Er hat damit einen sehr aufwendigen Prozess angestoßen und es sind viele Meinungen dabei zusammengekommen. Die Vorsynode und das daraus entstandene Dokument sind ein Samenkorn, das Früchte tragen kann. Denn wenn junge Menschen bisweilen äußern, dass sie in der Kirche Authentizität und Glaubwürdigkeit vermissen, stellt dies zwar einerseits einen Vorwurf dar, andererseits benennen sie damit aber auch sehr konkret eine Chance zur Besserung und für ein Wachstumspotenzial in der Kirche. Auf den Tisch kamen auch schwierige Themen, wie die Stellung der Frauen innerhalb der Kirche, die oftmals herrschende
Intransparenz, Machthierarchien und das Bedürfnis nach ganz unterschiedlichen Spiritualitäten.

In einem Punkt herrschte während der Vorsynode Konsens bei den jungen Erwachsenen: Sie möchten Verantwortung übernehmen. Sie möchten einbezogen werden und mitentscheiden. Junge Christen möchten aktiver Teil der Kirche sein und diese mitgestalten können. Mancherorts werden sie allerdings ausgebremst oder fühlen sich nicht auf Augenhöhe behandelt. Dabei könnte in der Kirche eine generationenübergreifende Zusammenarbeit helfen, ungute Machtstrukturen aufzubrechen und ein tiefergehendes Miteinander zu ermöglichen. Einigkeit bestand auch darin, dass soziale Medien aus der Lebenswelt junger Menschen nicht mehr wegzudenken sind und dass im rechten Umgang mit der virtuellen Welt eine große Chance liegen kann.
Es wäre zu viel verlangt, zu erwarten, dass die Kirche sich durch die Vorsynode oder eine Bischofssynode komplett ändern würde. Aber es ist dadurch eine Gesprächsgrundlage geschaffen worden, die im Hinblick auf die Mitsprache von jungen Menschen innerhalb der Kirche Hoffnung macht.  Für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Vorsynode wurde deutlich, dass die Bedeutung der Berufung für die Kirche neu entdeckt werden muss. 
Vielleicht kann die Synode in dieser Hinsicht auch für uns ein Anstoß sein, darüber nachzudenken, was Gott auf unser weißes Blatt Papier schreiben will.


Magdalena Häffner (* 16. Juni 1996 in Tübingen)

ist in der Schönstattjugend engagiert und wurde von der Deutschen Bischofskonferenz als Delegierte für die Vorsynode berufen, welche im März 2018 stattfand. Wenn sie nicht ihrem Ehrenamt nachgeht, studiert sie Musiktherapie in Heidelberg.