Alexander Schröter
ist zu einer Zeit der Berufungssuche in der Zukunftswerkstatt SJ und hat vorher als Geschäftsführer gearbeitet.

Johanna Hechler hat im Freiraum der Jesuiten in Leipzig und im Kloster Sießen gearbeitet und lebt und wirkt nun in der Zukunftswerkstatt SJ.

 

Zukunftswerkstatt SJ
Freiraum zur
Gottesbegegnung


Feste Orte helfen uns, den Alltag zu strukturieren, ihm Form zu geben. Wir erkennen das daran, dass wir ganz bestimmte Räume aufsuchen und gestalten, um dort zu essen, zu schlafen, zu arbeiten, zu beten oder um die Heilige Messe zu feiern. Auch bei der Klärung der eigenen Berufungsfrage ist es für junge Erwachsene hilfreich, Orte zu haben, an denen ihnen bei dieser Aufgabe geholfen wird, wo sie begleitet und zugleich zu einem tragfähigen eigenen Gebetsleben befähigt werden. In einer immer lauter und schnelllebiger werdenden Gesellschaft ist die Sehnsucht vieler junger Menschen nach einem Ort für sich und für ihre Fragen groß. Die Frankfurter Zukunftswerkstatt SJ ist ein solcher Ort.
Im November 2016 als ein Projekt der Berufungspastoral der Jesuiten von Pater Clemens Blattert SJ ins Leben gerufen, bietet sie jungen Erwachsenen zwischen 18 und 30 Jahren eine Anlaufstelle, um der Suche nach Gott und einem gelingenden Leben Raum zu geben.


Ein wesentliches Charakteristikum der Zukunftswerkstatt ist, dass es sich dabei nicht um ein Projekt für, sondern mit jungen Erwachsenen handelt. Sie selbst sind Protagonisten, die sich in das Projekt einbringen können, was zu einer hohen Identifikation führt. Darüber hinaus entspricht dieses Vorgehen auch einer zentralen Forderung des Vorbereitungsdokuments der  Weltbischofssynode „Die Jugendlichen, der Glaube und die Berufungsunterscheidung“, in dem es heißt, die Berufungspastoral solle die Einladung von Papst Franziskus annehmen, hinauszugehen: „Hinausgehen als ein Zeichen innerer Freiheit von den gewöhnlichen Tätigkeiten und Sorgen erlaubt auch, dass die Jugendlichen zu Protagonisten werden.
Sie werden die christliche Gemeinschaft umso anziehender finden, je mehr sie erleben, dass der konkrete und originelle Beitrag, den sie leisten können, angenommen wird.“

In der Zukunftswerkstatt beteiligen wir junge Menschen dadurch, dass sie Aufgaben und somit Verantwortung übernehmen und z.B. in die Planung der Projekte konkret einbezogen werden. Sie können ihren Beitrag auch durch das Gebet für einzelne Personen leisten - in Form einer Gebetspatenschaft für eine Exerzitantin oder einen Exerzitanten oder für die Werkstatt im Ganzen. Intention und Angebot der Zukunftswerkstatt ist es, junge Erwachsene zu unterstützen, sich auf Christus einzulassen und ihnen einen hilfreichen Rahmen zur Gottesbegegnung zu geben. Dies geschieht zum Beispiel durch das Angebot von Exerzitien und Auszeitwochenenden. Es besteht auch die Möglichkeit, zu einer individuellen Auszeit für einige Tage oder Wochen zu kommen oder bis zu einem Jahr in der Zukunftswerkstatt mitzuleben.

Als Ort wurde bewusst das Gelände der Hochschule St. Georgen in Frankfurt am Main gewählt: Es liegt zentral in Deutschland und bietet das Leben und die Vielfalt einer Hochschule und einer Großstadt. Dank des zugehörigen Parks sowie der Nähe zum Mainufer und zum Stadtwald gibt es auch zahlreiche gute Rückzugsorte.

Die Arbeit der Zukunftswerkstatt basiert auf vier Säulen:

  •  Freiraum
  •  Gegenüber
  •  Gleichgesinnte
  •  Befähigung


Freiraum


Junge Menschen benötigen Freiraum. Es ist uns wichtig, ihnen zu vermitteln, dass sie zur Zukunftswerkstatt kommen können, ohne bereits wissen zu müssen, wer sie sind und wer sie sein möchten. Sie müssen sich zunächst nur dafür entscheiden, sich auf die Suche zu machen. Junge Menschen werden gerade dann Interesse entwickeln, wenn sie eine solche Freiheit spüren, wenn sie merken, dass sie an einem Ort sind, an dem sie ohne Zwänge und Erwartungen auf ihr Leben schauen und dem nachspüren können, was ihr tiefstes Sehnen ist und was es erfüllen kann. Die Zukunftswerkstatt zielt letztlich darauf ab, jungen Erwachsenen eine Grundlage zu geben, um im Dialog mit Gott eine gute Entscheidung für ein gelingendes Leben zu treffen. Für uns bedeutet dies, den Teilnehmerinnen und Teilnehmern mit Vertrauen und mit der Bereitschaft zu begegnen, sie „machen zu lassen“ und selbst nicht zu viel Einfluss zu nehmen. Denn nur aus Freiheit und Offenheit kann ein gutes und tragfähiges Fundament erwachsen. Berufungen können nicht erzeugt werden – außer von Gott. Deshalb ist es die Aufgabe der Zukunftswerkstatt, dem einzelnen jungen Menschen auf seinem Weg zu Gott zu helfen. Dafür braucht es allein das Vertrauen auf Gottes Wirken. Wenn hingegen eine „Berufungsrendite“ (z.B. für kirchliche Berufe oder geistliche Wege) erwartet wird, schreckt dies Suchende ab, bei denen schnell das Gefühl entstehen kann, „verzweckt“ zu werden. Daher werden geistliche Lebensentwürfe, wie z.B. Priester-  und Ordensberufung oder kirchliche Berufe, von uns erst dort thematisiert, wo einzelne dies wünschen, um ihren Weg in dieser Form weiterzuführen.

Ein solcher Freiraum bedeutet allerdings keine Beliebigkeit, sondern bedarf klarer Strukturen, die dazu dienen, das Suchen und Finden zu fördern. Wir bemühen uns deshalb darum, die Strukturen (Räumlichkeiten, Regeln, Tagesabläufe, Aufgaben usw.) so zu gestalten, dass sie wie ein Geländer begleiten, anstatt einengend zu wirken.


Gegenüber

Wichtig in der Arbeit der Zukunftswerkstatt ist die geistliche Begleitung. Wir stellen den jungen Menschen qualifizierte geistliche Begleiterinnen und Begleiter zur Verfügung, mit denen sie sich im Einzelgespräch über ihre Fragen, Probleme, Sehnsüchte und geistlichen Prozesse austauschen können und die sie, wie eine Art Sparringspartner, bei ihrer Suche begleiten. Die Anforderungen an eine solche Begleitung werden im päpstlichen Vorbereitungsdokument zur Jugendsynode prägnant zusammengefasst: „Die Rolle von glaubwürdigen Erwachsenen, mit denen man in eine positive Beziehung treten kann, ist auf jedem Weg menschlicher Reifung und der Unterscheidung im Hinblick auf die Berufung grundlegend. Es braucht angesehene Gläubige mit einer klaren menschlichen Identität, einer festen kirchlichen Zugehörigkeit, einer sichtbaren spirituellen Qualität, einer starken erzieherischen Leidenschaft und einer tiefen Fähigkeit zur Unterscheidung.“


Befähigung

Die Zukunftswerkstatt ist gewissermaßen ein Schutzraum, der dabei hilft, der eigenen Sehnsucht auf die Spur zu kommen. Hier schaffen wir eine Umgebung, in der eine persönliche Gottesbegegnung leichter möglich ist, da viele Störgeräusche des Alltags ausgeklammert werden. Suchende werden hier zu einem Gebetsleben befähigt, das dann auch in den Herausforderungen des Alltags trägt. Die Teilnehmer der Zukunftswerkstatt werden dazu ermutigt, ihren Alltag, ihre Probleme, Wünsche, Sehnsüchte und Ängste immer wieder vor Gott zu bringen, ihm dadurch Teilhabe an ihrem Leben zu geben und so in eine immer lebendigere, tiefere Gottesbeziehung zu wachsen.
Darüber hinaus versuchen wir in der Zukunftswerkstatt insbesondere diejenigen, die hier längere Zeit verbringen, zu befähigen, als Multiplikatoren Gebetszeiten und Andachten anzuleiten und wieder andere dazu zu ermutigen. Zudem ist bei einigen „Zukunftswerkstättlern“ der Wunsch entstanden, dass sie das Gebetsleben, das sie kennengelernt haben, gemeinschaftlich fortsetzen möchten. Aus diesem Grund haben sich in verschiedenen Städten sogenannte „MAGIS-Gruppen“ gegründet und gründen sich weiterhin. In diesen Gruppen treffen sich junge Erwachsene regelmäßig, um sich über ihren Glauben und die eigene Suche auszutauschen und zu beten. Die Gruppen organisieren sich eigenständig vor Ort und treffen sich zumeist alle ein bis zwei Wochen. Die inhaltliche Vorbereitung wird von wechselnden Personen übernommen. Alle MAGIS-Gruppen werden bei ihrer Gründung und im Alltag von der Zukunftswerkstatt unterstützt.


Gleichgesinnte

Für suchende junge Menschen ist die Begegnung mit Gleichaltrigen, die mit ähnlichen Fragen unterwegs sind, eine große Bereicherung. Der Austausch über eigene Fragen und Erlebnisse ist nicht nur sehr gewinnbringend, für viele junge Menschen ist es zudem eine seltene Erfahrung, auf Altersgenossen zu treffen, die ebenfalls auf der Suche sind und ihre Gottesbeziehung ernsthaft vertiefen wollen. Das ermutigt und gibt Kraft für den weiteren Weg.


Die Zukunftswerkstatt trifft mit ihrem Angebot einen Nerv. Dies lässt sich unter anderem an der stetig wachsenden Zahl der Teilnehmerinnen und Teilnehmer ablesen. Obwohl wir in diesem Jahr die Anzahl der verfügbaren Plätze in den Exerzitienkursen von 7 auf 14 verdoppelt haben, kann die Nachfrage kaum befriedigt werden.

Auch wenn eine „Berufungsrendite“, wie dargestellt, nicht die primäre Intention des Projekts ist, hat sich doch in den letzten eineinhalb Jahren gezeigt, dass immer wieder junge Erwachsene in der Zukunftswerkstatt einen Ort finden, der ihnen anschließend eine Entscheidung für einen geistlichen Lebensweg ermöglicht. Viele andere gehen aus ihrer Zeit in der Zukunftswerkstatt gestärkt und inspiriert in ihr „normales“ Umfeld und ihre Gemeinden zurück und bemühen sich auf Grundlage ihrer neuen Erfahrungen um eine tiefere Gottesbeziehung mit einem aktiveren Gebetsleben. Das „Geheimnis“ des Erfolges der Zukunftswerkstatt ist dabei nicht das Charisma einzelner Personen oder eine ausgefeilte, auf junge Erwachsene zugeschnittene Werbestrategie, sondern die Tatsache, dass junge Menschen dort einen Freiraum für die Gottesbegegnung finden, um dann den Herrn wirken zu lassen.