Michael Maas
Priesterweihe im Erzbistum Freiburg 2003,
seit 2014 Direktor des Zentrums für Berufungspastoral

Suche Frieden

 

Kann man ernsthaft gegen den Frieden sein? Wohl kaum. Eine tiefe Sehnsucht nach Frieden ist vermutlich jedem Menschen eingepflanzt. Wir tragen es in uns, dass wir uns ein friedvolles Miteinander wünschen. Und deshalb wird auch kaum jemand auftreten und dazu aufrufen, Krieg, Gewalt und Unfrieden zu suchen. Schon im Alten Testament lesen wir: „Wie willkommen sind auf den Bergen die Schritte des Freudenboten, der Frieden ankündigt.“ (Jes 52,7)
Es hat sich bis heute nicht geändert: Wir hoffen auf Frieden und auf eine Welt ohne Zerstörung, Terror und kriegerische Auseinandersetzungen.

 

Ist ein Jahresthema „Suche Frieden“ damit banal? Ist es überflüssig, weil es lediglich das ohnehin Selbstverständliche propagiert? Das wäre nur zu schön. Denn wir leben in der paradoxen Situation, dass sich einerseits jeder Frieden wünscht, während wir andererseits im Kleinen wie im Großen beständig das Gegenteil von Frieden erleben. Das gilt sowohl für den „äußeren Frieden“ und die Rolle, die Gewalt in unserem Alltag und in der Welt spielt, wie auch für den „inneren Frieden“ und die Frage, ob wir mit unserem Leben zu-frieden sein können. Es betrifft kriegerische Auseinandersetzungen zwischen Völkern und Nationen genauso wie den Kleinkrieg in Familien und mit der Nachbarschaft.
Wie ist dieses Paradox erklärbar? Wie kann es sein, dass es diese zutiefst menschliche Sehnsucht nach Frieden gibt, die Anzahl von Konflikten aber andererseits nicht erkennbar abnimmt?

Bei näherer Betrachtung kann man feststellen, dass der Auslöser der Konflikte oftmals derselbe ist: Es sind die Interessen der einen, die mit den Anliegen der anderen nicht kompatibel zu sein scheinen und dem Frieden deshalb im Weg stehen. Nur im Konflikt, so der Eindruck, kann dies gelöst werden. Also bleibt als einzige Möglichkeit die Auseinandersetzung, bei der man hofft, sich als der Stärkere durchzusetzen. Letztlich scheinen die eigenen Interessen dann doch wichtiger zu sein als der Wunsch nach einem friedvollen Miteinander – trotz aller gegenteiligen Lippenbekenntnisse.


Interessanterweise betrifft dies auch den „inneren Frieden“, den Frieden mit sich selbst. Es wird kaum jemand sagen, dass er die innere Unruhe als Lebenskonzept anstrebt. Und doch kann man bisweilen fast zuschauen, wie Menschen in unserem Umfeld genau darauf hinsteuern:  indem sie Beziehungen wählen, die ihnen nicht gut tun; indem sie legalen und illegalen Drogen zusprechen, die sie aus dem Gleichgewicht bringen; indem sie sich mit Arbeit so überlasten, dass sie unausgeglichen werden und sich im Miteinander in der Familie ganz anders verhalten, als sie eigentlich wollen. Und wenn wir ehrlich sind, dann können wir das nicht nur bei anderen beobachten, sondern auch bei uns selbst.
Wir handeln nicht absichtlich so. Aber manchmal fehlt uns der Überblick und wir erkennen nicht, welcher Weg uns zum Frieden führt. Stattdessen wählen wir die vermeintlich bequemere Variante oder lassen uns von falschen Versprechungen blenden. Es gibt also offensichtlich gar nicht so wenig, was uns bisweilen wichtiger ist als der Frieden für uns selbst und für diejenigen, mit denen wir zusammenleben. Die Vorstellung, für den Frieden auf eigene Wünsche und Bedürfnisse zu einem gewissen Grad verzichten zu müssen, ist doch eher unattraktiv; manche Verpflichtung meinen wir eingehen zu müssen, auch wenn wir ahnen, dass uns das nicht guttun wird.
Entgegen aller anderslautenden Aussagen hat es der Frieden gar nicht so leicht, sich durchzusetzen.

Und trotzdem: Die Sehnsucht nach Frieden bleibt. Sie begleitet unser Leben; sie lässt sich in den Kommentaren zum aktuellen Weltgeschehen genauso finden wie in zahlreichen Ratgebern zur Lebensgestaltung. Nicht ohne Grund: Im Frieden haben wir Menschen die Möglichkeit, uns frei zu entwickeln und unbeschwert zu leben. Wer im Frieden mit sich und den Mitmenschen ist, erfährt körperliche und seelische Unversehrtheit ohne Angst vor Bedrohungen.  
Und der Friede spielt auch im Kontext der Berufungspastoral eine Rolle. Gott hat einem jeden und einer jeden von uns einzigartige Fähigkeiten gegeben, die uns helfen sollen, die Welt zu gestalten. Das hat zur Folge, dass wir erst dann im Frieden mit uns sein können, wenn wir diese Gaben so einsetzen, wie es vom Schöpfer für uns gedacht ist. Nur: Wie finden wir heraus, auf welchem Weg Gott uns zu innerem Frieden führt?

Schauen wir auf das, was Jesus selbst dazu sagt: „Frieden hinterlasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch; nicht einen Frieden wie die Welt ihn gibt, gebe ich euch.“ (Joh 14,27)

Dieser nicht unbedingt leicht verständliche Satz Jesu kann uns dazu den entscheidenden Hinweis geben. Den ersten Teil dieses Satzes hören wir regelmäßig in der Messfeier. Was ist das Besondere am Frieden Jesu?  Weshalb ist es ein Frieden, wie ihn die Welt nicht gibt?
In dem Abschnitt, aus dem dieses Zitat stammt, bereitet Jesus seine Jünger darauf vor, dass er bald nicht mehr unter ihnen auf der Erde sein wird. Zugleich verweist er darauf, dass sie den Heiligen Geist als Begleiter und Beistand erhalten werden. Sie brauchen sich nicht zu beunruhigen, sie werden auch weiterhin mit Jesus verbunden bleiben. Wer mit ihm lebt, wer aus der Beziehung zu ihm lebt, der wird den Frieden finden, auch wenn der Herr nicht mehr leibhaftig zugegen ist. Diese Zusage ist so umfassend, dass sie auch bestehen bleibt, wenn die Jünger äußerlich Gewalt und Unfrieden ausgesetzt sind. Viele Heilige haben genau dies durch ihr Leben bezeugt und bekräftigt. Selbst an Orten des absoluten Unfriedens, ja sogar in der Hölle der Konzentrationslager, konnten sie den Frieden erfahren, der nur aus der Beziehung zu Jesus Christus erwächst. Diesen Frieden können auch wir finden, wenn wir aus der Verbindung mit ihm unsere Berufung leben!

Damit ist allerdings nicht gemeint, dass man „um des lieben Friedens willen“ zu allem „Ja und Amen“ zu sagen hat. Im Gegenteil: Frieden kann sich im jüdisch-christlichen Verständnis nur dort einstellen, wo auch die Sorge um
ein gerechtes Miteinander Platz hat: „Gerechtigkeit und Friede küssen sich“
(Ps 85,11), heißt es im Gebetsschatz der Psalmen. Frieden ohne Gerechtigkeit kann es in der jüdisch-christlichen Tradition nicht geben. Und Berufung heißt ja gerade, das aufzunehmen und ins eigene Leben zu übertragen, was Gottes Willen entspricht. Das bedeutet Einsatz und Anstrengung für Großes, für Dinge, die über mich und meine Bedürfnisse hinausreichen. Es kann bisweilen auch bedeuten, dass ich in einer Gesellschaft anecke, die – aus welchen Gründen auch immer – an dem vorbeilebt, was Gott will. Dies begegnet uns in der gesamten Kirchengeschichte.Wir können auf das Beispiel des heiligen Franziskus schauen, der einer prunkvollen und machtverliebten Kirche den Spiegel vorhielt, genauso wie auf Adolph Kolping, den im 19. Jahrhundert die Frage nach menschlichen Bedingungen für die Arbeiter antrieb. Ebenso sind wir heute gefragt, uns konsequent für das Leben einzusetzen – auch dort, wo andere dafür wenig Verständnis haben. Immer kommt es darauf an, aus der Beziehung zu Gott heraus die eigene Berufung zu erkennen und danach zu handeln. Aus der Kraft des Heiligen Geistes heraus den Frieden zu finden, das schließt den Widerspruch um Gottes und der Menschen willen bisweilen ausdrücklich ein.
Noch etwas anderes zeichnet den Frieden Jesu aus: Es ist die Fähigkeit, dafür auch Leid zu ertragen. Es ist der Blick auf das Kreuz. Papst Franziskus hat dies in einer seiner Morgenansprachen dargelegt: „Ein Frieden ohne Kreuz ist nicht der Frieden Jesu: das ist ein Frieden, den man kaufen kann. Beten wir um die Gnade des inneren Friedens, die Gabe des Heiligen Geistes.“

Überall dort, wo wir aus der Quelle unserer Berufung leben, wo die Bereitschaft zur Hingabe wächst, wo wir bereit sind, uns für das Kommen des Reiches Gottes einzusetzen und auch Leid zu tragen, finden wir den Frieden, der auch der Friede Jesu Christi ist.

 „Suche Frieden“ ist in diesem Sinne keine Selbstverständlichkeit, sondern der einzige Weg zu einem Leben, in dem nicht einfach der Stärkere seinen Herrschaftsbereich befriedet, sondern jeder zu seinen Möglichkeiten findet.


„Suche Frieden“ – Darin dürfen wir nicht nachlassen!