Prof. Dr. Ludwig Mödl

geboren 1938 in Ingolstadt, Priesterweihe 1966, Regens in Eichstätt (1971-1987), Professor für Pastoraltheologie, Homiletik und Spiritualität in Luzern (1988-1992), Eichstätt (1992-1996) und München (1996-2003), Spiritual in München (2003-2013), Universitätsprediger (2007-2013), zur Zeit Seelsorger in München, Vorsitzender des Vereins für Christliche Kunst und Exerzitienleiter 

Priester in der
gegenwärtigen Kirche

 

Wer über den Priester sprechen will, muss zuvor sagen, wie er die Kirche sieht und was er von ihr erwartet. Im Folgenden sei deshalb versucht, ein für heute zutreffendes Kirchenbild zu umreißen, um dann über den Priester und seine  Aufgabe sowie seine Möglichkeiten zu sprechen. 


I. Kirche nach dem II. Vatikanischen Konzil

Betrachten wir zunächst die generelle Linie, welche das II. Vatikanische Konzil vorgegeben hat. In den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts wurde überdeutlich, dass sich die gesellschaftlichen Verhältnisse in allen Teilen der Welt stark verändert haben und sich noch weiter verändern werden. Als Gründe für diese Veränderungen konnte man zwei Faktoren ausmachen. Zum einen: Durch Auto, Bahn und vor allem Flugzeug ist es möglich, Menschen und Güter in kurzer Zeit und mit relativ geringem Aufwand von einem Ort zu einem anderen zu befördern. Und zum zweiten: Durch die neuen, vor allem elektronischen Kommunikationsmittel (Radio, Fernsehen, später auch Internet usw.) können in Sekundenschnelle Nachrichten jeden Punkt der Welt erreichen.
Diese beiden Faktoren, Mobilität und Kommunikation, werden auch künftig den Warenverkehr und damit die Wirtschaft fundamental verändern, und sie werden die Finanzsysteme, die Interessengruppen und Gesinnungsgemeinschaften in neuer Weise zusammenführen, so dass sich ungeahnte Neuerungen ergeben werden.

Die seelsorgliche Praxis der Nachkriegszeit ließ bereits erkennen, dass diese gesellschaftlichen Entwicklungen die Kirche in hohem Maße betreffen. Man erkannte, dass man zwei Fragen beantworten musste. Erstens: Wie kann sich die Kirche in den neuen Gesellschaften einbringen und behaupten? Und zweitens: Wie muss sich die Kirche selbst intern aufstellen, um ihrem Wesen und ihren Aufgaben in diesen Zeiten gerecht zu werden?
Zur ersten Frage antwortete das Konzil – grob gesagt – mit der Absicht, sich nicht mehr auf den gegenwärtigen Stand und auf irgendwelche gesellschaftlichen Traditionen oder Privilegien zu verlassen, sondern im pluralen Umfeld Religionsfreiheit einzufordern, was bedeutet, dass die Kirche in ihrer Verkündigung und ihren religiösen Handlungen unbehindert bleibt, zu allen den Menschen betreffenden Fragen frei Stellung nimmt, mit allen wohlmeinenden Menschen in Dialog tritt und sich so am gesellschaftlichen Leben zum Wohle aller einbringt.
Die zweite Frage behandelte das Konzil unter vielfachen Facetten, wobei als cantus firmus überall durchklingt: Die Kirche ist das Volk Gottes auf Erden, deren generelle Aufgabe es ist, in der Welt Zeichen des Heiles zu setzen. Dabei wird grundlegend festgestellt: Zur Kirche gehört jeder Getaufte, der sich in die Gemeinschaft einfügt. Taufe und Firmung befähigen und beauftragen ihn, bei allen kirchlichen Aktivitäten nach seinen Fähigkeiten und Möglichkeiten mitzuwirken. Die Weltkirche konkretisiert sich in den Ortskirchen, die jeweils von einem Bischof geleitet werden, der in Einheit mit dem Papst zum Gesamtepiskopat der Kirche gehört. Die übrigen Kleriker, Priester und Diakone, sind direkte Mitarbeiter des Bischofs.
Mit dieser Neuausrichtung ist festgehalten, dass die sogenannten Laien, Frauen und Männer gleichermaßen, unter dem Aspekt der Mitgliedschaft gleichwertig wie ein Bischof, ein Priester oder ein Diakon Vollmitglieder der Kirche sind – mit allen Rechten und Pflichten. (Der Dienst der Pastoral- und Gemeindereferentinnen und -referenten verbürgt dies in unserem Land ausdrücklich und entstand deshalb konsequenterweise nach dem II.Vatikanum.) Nun musste neu bedacht werden, welche Stellung die Kleriker, also der Bischof, die Priester und die Diakone, einnehmen und wie ihre Aufgaben zu umschreiben seien. Dazu hat das Konzil Stellung genommen und eine Neuausrichtung angesprochen, die allerdings in den folgenden Jahren neue Fragen aufkommen ließ, die im Folgenden angesprochen werden. 


II. Die geistlichen Ämter in der
nachvatikanischen Zeit


Schauen wir kurz in die Geschichte! Von den Anfängen wissen wir nicht viel über die leitenden Personen in den Gemeinden. Unterschiedliche Bezeichnungen gibt es da, wie Presbyter, Episkopen, Diakone, Lehrer, Propheten. Erst zu Beginn des zweiten Jahrhunderts haben wir eindeutig als Leitungsteam den Bischof, die Presbyter und die Diakone, wie Ignatius von Antiochien um das Jahr 110 bezeugt. Dieses Leitungsmodell war über die nächsten Jahrhunderte hinweg offensichtlich so selbstverständlich, dass darüber keine grundlegenden Aussagen nötig waren. Erst im IV. Laterankonzil (1215) wurde festgestellt, dass nur der Priester (der Bischof wird unter “sacerdos” mitbedacht) der Eucharistie vorstehen kann (Denziger-Hünermann (DH) 802). Zum Problem wurden die geistlichen Ämter erst in der Reformationszeit des 16. Jahrhunderts; denn die Reformatoren zweifelten an, dass es neben dem „gemeinsamen Priestertum“, von dem im ersten Petrusbrief (1 Petr 2,5.9) und in der Offenbarung des Johannes (Off 1,6; 5,10; 20,6) gesprochen wird, ein „besonderes Priestertum“ gäbe. Das Konzil von Trient (1545-1563) widersprach den Reformatoren. Es bestätigte die Tradition und antwortete im Wesentlichen mit vier Aussagen. Erstens: Neben dem gemeinsamen Priestertum gibt es das (von diesem wesenhaft unterschiedene) besondere Priestertum. Dieses wird zweitens übertragen durch Handauflegung und Gebet des Bischofs. Es prägt drittens der Person ein besonderes Merkmal ein. Und es ist viertens hierarchisch gestuft in Bischof, Priester und „Diener“ (Hier ist keine dezidierte Aussage über den Diakon gemacht, da nur das besondere Priestertum bestätigt werden sollte (vgl. DH 1771–1777). Weiteres ist dann nicht gesagt, d.h. Trient legt keine vollständige Lehre über die geistlichen Ämter vor, spricht also nicht im eigentlichen Sinn über die Bedeutung der Ämter im Rahmen der Kirche, sondern nur über bestimmte Vollmachten, welche den Amtsträgern zukommen. Dies versucht das II. Vatikanische Konzil zu ergänzen, was notwendig wurde durch die Aussagen über die Bedeutung aller in der Kirche bzw. über das „gemeinsame Priestertum“ aller. Dabei bleibt es aber sehr allgemein, wenn es betont: Das Amt in der Kirche müsse verstanden werden als „Sendung“ und „Dienst“ (vgl. LG 28 und PO 2). Der Dienst wird dabei nicht von den Amtsbefugnissen her begründet, sondern eben von der Sendung durch Christus. Durch das „geistgewirkte Zeichen“, also die Weihe, wird der Priester so geprägt, dass er an Christi Statt handeln  kann für das Volk. Weiterhin wird gesagt: Das geistliche Amt ist ein einheitliches kirchliches Amt. Der Bischof besitzt es in der vollen Gestalt, der Presbyter hat an diesem Anteil, der Diakon wirkt ebenfalls als „für den Dienst Geweihter“ in besonderer Bindung an Christus und aus der Sendung durch ihn. Durch die Betonung der Sendung tritt der Charakter der Verkündigung an die erste Stelle jedes Amtsauftrages, was wohl so zu interpretieren ist, dass sich jedes kirchliche Handeln nicht erschöpfen darf in einem sachbezogenen Ablauf, sondern immer von theologischen bzw. spirituellen Bezügen geleitet sein muss. Das bedeutet: Alles, was in der Kirche geschieht, soll einen Hinweischarakter auf das göttliche Wirken bekommen, das unser ganzes Leben durchpulst und das sich im Handeln der Kirche zeigt. Es soll also keine rein sachlich-irdischen Verläufe geben, die nicht in irgendeiner Weise mit der Verkündigung des Evangeliums zusammengebracht werden können. Dies sollen die Amtsträger garantieren. Damit soll das (durch Wort, Lebensstil und Arbeitsweise sichtbar werdende) Evangelium jedwedes Handeln in der Kirche dominieren. Damit dürfen sich die Amtsträger (Bischof, Presbyter und Diakon) als von Christus gesandt betrachten (nicht von der Gemeinde und auch nicht von den Oberen; letztere sind nur Organisatoren, leitende Ordner und Kontrolleure). Und ihr Wirken muss sich als Dienst an der Gemeinde und vor allem als Verkündigung des Evangeliums verstehen, was ein Präsentmachen der Glaubenswirklichkeit bedeutet. Diese Rolle der Amtsträger im Konkreten zu verwirklichen, ist nicht leicht; denn das Konzil hat die Rolle des Bischofs sehr differenziert beschrieben (auch als Ergänzung des I.  Vatikanischen Konzils in Bezug auf das Verhältnis zum Papst), so dass man eine Allzuständigkeit herauslesen könnte. Hinsichtlich des Priesters wird vornehmlich seine Abhängigkeit vom Bischof betont, und vom Diakon wird nur gesagt, dass es ihn wieder als besonderes Weiheamt geben soll und dass er als Helfer in der Seelsorge wirkt. Es braucht neue Ideen, diese marginalen Ansätze konkret fruchtbar werden zu lassen. Darüber sei im Folgenden eine Theorie vorgelegt, die vielleicht aus manchem Dilemma heraushelfen könnte.


III. Das dreigestufte Amt in den Handlungsfeldern der Kirche


Meine These geht von einem handlungstheoretischen Konzept aus, das grundsätzlich fragt: Was haben wir als Christen (einzeln und in Gemeinschaft) in Kirche und Welt zu tun, um den Anspruch Jesu zu erfüllen? Oder anders gefragt: Was sind die praktischen Handlungsfelder der Kirche?

1. Die Handlungsfelder der Kirche


Wenn wir alle Aktivitäten in der Kirche betrachten, lassen sich drei Handlungsfelder ausmachen:
 
a) Das eigentlich religiöse Handeln
Unsere Religion ist eine Offenbarungsreligion. Der Ewige hat zu uns Menschen gesprochen und er will, dass wir uns ihm direkt zuwenden. Das heißt: Wir, die Glaubenden, hören auf die Gott-Zusagen, betrachten sie, suchen sie für uns fruchtbar zu machen, indem wir über sie nachdenken, sie meditieren, sie studieren und sie mit unserer Lebenspraxis zusammenbringen. Wir künden sie anderen, um sie teilhaben zu lassen an unseren Erkenntnissen und Erfahrungen. Gleichzeitig wenden wir uns an den Allheiligen, indem wir beten (also lobend, dankend, bittend oder klagend unser Erkennen und unser Leben vor ihm ins Wort bringen) und gemeinschaftlich (in unterschiedlichen Formen) Gottesdienst feiern.
Das erste Handlungsfeld ist also das ausgesprochen religiöse Tun. Indem wir (gemäß dem dritten Gebot) an einem Tag im Wochenzyklus die Arbeit und die weltlichen Verrichtungen unterbrechen, hören wir auf Gottes Offenbarung und treten betend in Kontakt mit ihm. Hier sind Gebet, Verkündigung und Liturgie als ein einheitliches Handlungsfeld betrachtet, weil diese drei Bereiche nicht voneinander getrennt werden können, da jedes Gebet mit dem Hören auf Gottes Wort beginnt (Gott hat allemal zuerst gesprochen), die Verkündigung zum Gebet und zum gemeinsamen Lobpreis und damit zur Liturgie hinführt und auch in die Liturgie gehört.

b) Communio
Daraus ergibt sich ein zweites Handlungsfeld. Um das eigentlich Religiöse gemeinschaftlich konkret werden zu lassen, sind Institutionen nötig, in welchen die Menschen über die göttlichen Wahrheiten belehrt werden, in denen sie das Gebet pflegen, den Glauben bedenken, gemeinschaftlich vor Gott hintreten usw. Dazu braucht es Räume, Ordnungen und Veranstaltungen, die organisiert, geleitet und strukturiert werden müssen. Die Communio muss also konkretisiert, gemeinsames Handeln garantiert und gestaltet werden. Diesem Handeln entspricht das theologische Grunddatum, dass die Kirche Gemeinschaft ist, die sich – in Bildern gesprochen – als Leib Christi oder als Volk Gottes versteht. Die Gestaltung der Communio ist also das zweite Feld des Handelns.

c) Diakonie
Das dritte Handlungsfeld hängt direkt damit zusammen: die Diakonie. Von Anfang an war für die Christen ein diakonischer Dienst selbstverständlich. In der Apostelgeschichte erfahren wir, dass diesen Dienst zunächst die Apostel und dann die sieben Gewählten leisteten. “Den Tischen dienen” bedeutete damals nicht nur, die Leute zu verpflegen, sondern auch das Geld zu verwalten. Dass sich dieser caritative Dienst sogleich mit Verkündigung verband, wie wir an Stephanus und Philippus sehen, sagt generell etwas über die Art und Weise des christlichen Helfens bzw. der christlichen Diakonie aus. Der Tischdienst und die Verwaltung des Geldes wurden zum Verkündigungsort.  In jedem Fall gab es von Anfang an Zuständige für das Helfen und Organisieren, aus denen sich dann das Amt des Diakons entwickelt hat.
Nun war der diakonische Handlungsbereich der Christen nicht beschränkt auf die Dienste an den Armen und Witwen. Das ganze Leben ist einbezogen in die Wirklichkeit des nahen Gottesreiches. So gehört zur Diakonie neben den caritativen Diensten das Mitgestalten des gesellschaftlichen Lebens (man kann sie Gesellschaftsdiakonie nennen, die gegenwärtig etwa erfordert, dass wir uns auch politisch um die Flüchtlinge kümmern) und das Hereinholen kultureller Werte in den Innenraum der Kirche sowie das kulturelle Mitgestalten durch die Kirche bzw. kirchliche Personen (man kann diese Aufgabe Kulturdiakonie nennen).
Bei der Betrachtung der drei kirchlichen Handlungsfelder stellt sich sofort die Frage: Welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang das dreigestufte Amt der Kirche?


2. Die drei Ämter: Bischof, Presbyter und Diakon
 
Zunächst ist klar: Jeder Christ ist in allen drei Handlungsfeldern in irgendeiner Weise aktiv – in Gebet, Liturgie und Verkündigung, im Werden von Gemeinschaft und im diakonischen Bereich. Doch haben die Amtsträger in jedem dieser Bereiche spezielle Funktionen. Hier setzt meine These an.

a) Der Bischof ist der Repräsentant und Garant der Communio. Er ist Episkopus, Aufseher, und sorgt dafür, dass die Gemeinschaft apostolisch bleibt, also nicht abweicht von der Lehre der Apostel. Er sorgt weiterhin dafür, dass die Gemeinschaft mit den gegenwärtigen anderen Kirchen aufrechterhalten wird; und er garantiert, dass Verkündigung, Gebet, Liturgie und Diakonie im Sinne des Evangeliums und der Ordnung der Kirche verwirklicht werden. Deshalb ist er der oberste Repräsentant und Akteur – in allen drei Bereichen. 

b) Der Presbyter ist – mit dem Bischof –  Repräsentant des ersten Handlungsfeldes, des eigentlich religiösen Handelns in Verkündigung, Theologie, Gebet und Liturgie. Er partizipiert am geistlichen Leitungsamt des Bischofs und gehört (wie er) zum Sacerdotium, handelt aber in Zuordnung und Einheit mit ihm. 

c) Der Diakon repräsentiert die Diakonie. Er ist der Mann fürs Praktische. Er sorgt für die Dinge, welche teilweise die Communio, in noch höherem Maße aber die diakonischen Dienste brauchen, wie Geld verwalten, Gebäude errichten und instand halten, Arbeiten einteilen, Treffen organisieren usw. Er wirkt also vornehmlich in den drei Funktionsfeldern der Diakonie, der caritativen Diakonie, der sozialen Diakonie und der Kulturdiakonie. Liturgisch spielt er auch eine Rolle. Er gibt die Regieanweisungen, liest das Evangelium, um diesem den Sound des Praktischen zu geben, übernimmt gelegentlich die Predigt und spricht die Entlassung ins praktische Leben aus, also die Sendung. In die Sakramentenspendung ist er eingebunden, da dabei oftmals diakonische Belange tangiert werden. Er soll jeweils die lebenspraktische Seite allen geistlichen Tuns repräsentieren und betonen.
Bis ins Mittelalter hinein waren die Diakone in diesem Sinne leitend tätig, jeweils nur dem Bischof zugeordnet. Ab dem 11. Jahrhundert wurden sie (aus noch nicht erforschten Gründen) zu Priestern geweiht, und so übernahmen seither Priester die diakonischen Dienste. Das ist weithin bis heute so und stellt eines der gegenwärtigen Probleme dar. 


IV.  Der Vorrang des Geistlichen

Nun ist das dreigestufte Amt nicht so zu verstehen, dass ein Amtsträger nur in einem Bereich aktiv ist. Er repräsentiert dieses Handlungsfeld und ist eventuell in ihm auch leitend tätig. Aber er wirkt in allen drei Bereichen mit, so wie auch alle Gläubigen bei allen kirchlichen Aktivitäten mitbeteiligt sind – und wie unter besonderen Umständen auch ein Mann oder ein Frau, die keine Weihe empfangen haben, mit leitenden Aufgaben betraut werden können. Die Amtsträger aber sollen garantieren, dass alles kirchliche Tun mit Christus verbunden ist und in seinem Sinne geschieht; denn Christus und sein göttlicher Geist sind wirksam in der Kirche. Das Bewusstsein hierfür wachzuhalten, scheint mir die erste Aufgabe des Weiheamtes zu sein.
Dies ist heute freilich schwer zu vermitteln; denn in der Mentalität des mobilen und (vermeintlich) rundum informierten Menschen ist ein Verständnis für eine „sakramentale Kirche“, in welcher Göttliches durch Menschen repräsentiert und vermittelt wird, weithin weggebrochen. Viele sehen Religion im Modus des „Ich und mein Gott“, ohne einzusehen, dass die Kirche und das Handeln kirchlicher Personen konstitutiv sind für die geistliche Verbindung mit dem Ewigen bzw. dass heilige Zeichen nicht nur einen Rahmen für die Gottesbegegnung darstellen, sondern diese bewirken. Die Kirche als Gemeinschaft scheint dann nur ein (quasi säkularer) Rahmen zu sein, innerhalb dessen sich das eigentlich Spirituelle privat vollzieht. Die Kirche wird dann als ein Dienstleister angesehen, der „Sinnstiftung“ anbietet. So schätzt man z.B. die psychologische Professionalität eines kirchlichen Amtsträgers höher ein als dessen Wort aus seiner Gott-Erkenntnis. Man vertraut den Sachgesetzlichkeiten des Professionellen mehr als der durch die Weihe vermittelten Sendung. Auch die theologisch-rationale Korrektheit eines Textes gilt mehr als eine spirituelle Erfahrung oder eine emotional-ganzheitlich erhebende Gott-Feier. Den Amtsträger sieht man dann eher als professionellen Funktionär kirchlichen Handelns denn als Gott-verbundenen Mittler.  Dieses Denken ist auch in die kirchlichen Personalkammern eingedrungen, so dass der Aufklärungsgeist eines Josephs II. die kirchliche Organisation zu erobern beginnt. Der Mangel an Priestern befördert dieses Denken, das wiederum den Priestermangel befördert. Was ist zu tun?

Hier kann nur angedeutet werden, in welche Richtung wir denken sollen: Zunächst müssen wir überlegen, wie der Priestermangel zu beheben ist. Werbung für diesen Beruf wird erst fruchtbar werden, wenn „das Geistliche“ in der Kirche wieder einen dominanteren Platz einnimmt. Da müssen die Geistlichen und alle anderen Christen zusammenhelfen. Was die Geistlichen betrifft, sollte gelten, was Johann Michael Sailer (1751-1832) vor 200 Jahren gesagt hat: Die Geistlichen sollten als „Geistlich-Geistliche“ (nicht als „Zeit-Geistliche“) wahrgenommen werden. Dazu braucht es Anleitung, Begleitung und Zusammenwirken. Viele Priester fühlen sich heute in den neuen Strukturen alleingelassen und verloren. Geistliche Stütze, Fortbildung und Gemeinschaftsbildung müssen intensiver als bisher angegangen werden – und zwar spirituell, theologisch und praktisch. Und was alle betrifft: Gebet, Gottesdienst, Theologie und Engagement aus dem Glauben müssen einen adäquateren Platz finden in der gewandelten Welt. Wichtig sind das öffentliche Wort und das öffentliche Zeugnis. Aber noch wichtiger ist die Einbindung des Glaubens in  die Alltagswelt. Wir müssen wieder Formen finden und propagieren, die es ermöglichen, dass sich ein gestresster und vielfach vereinnahmter Mensch in einfacher Weise der Gott-Nähe vergewissern kann. Einfachgebete, Einfachzeichen, geistliche Kernsätze und vieles mehr können dazu helfen. Integration des Glaubens in die Alltagswelt muss wieder ein Ziel der pastoralen Bemühungen werden.
Die eben vorgestellten Überlegungen vom dreigestuften Amt in der Kirche könnten, so meine ich, hilfreich sein, in den groß gewordenen seelsorglichen Räumen die Amtsträger (vor allem auch die Diakone) so einzusetzen, dass deutlich wird: Die Kirche ist nicht von „Funktionären“, sondern von „Geistlich-Geistlichen“ geführt.