Michael Maas
Priesterweihe im Erzbistum Freiburg 2003,
seit 2014 Direktor des Zentrums für Berufungspastoral

Mir geschehe

 

„Das Wort Berufung hat bei mir irgendwie immer Angst ausgelöst.” Das sagte neulich in einer Konferenz von Verantwortlichen in der Berufungspastoral eine junge, kirchlich engagierte Frau, die als Praktikantin in unserer Runde war. Und sie ergänzte: „Es ist mir wichtig, dass sich das ändert: Dass ich keine Angst vor meiner Berufung haben muss, sondern sie als etwas Schönes ansehen kann.”

 

In der ganzen Runde war zu spüren: Das traf uns schon, dass der Begriff „Berufung“ für einen jungen Menschen so negativ besetzt ist. Schließlich gilt für uns genau das, was die junge Frau als Ziel ausgegeben hat: Berufung soll etwas sein, das motiviert, das begeistert und Kräfte freisetzt. Wir möchten nicht für ein Programm stehen, das negative Gefühle auslöst – und das gilt ja letztlich für alle in der Pastoral Tätigen, wenn sie die Frage nach der Berufung in jungen Menschen wachhalten wollen.

Die Aussage der jungen Frau hat auch mich persönlich nachdenklich gemacht. Ich habe mich gefragt: Wie war das bei mir, als ich mir die Frage nach meiner Berufung gestellt habe – oder vielmehr, als mich diese Frage einholte und nicht mehr losließ?

Welche Gedanken hatte ich, als mir vor etwas mehr als 20 Jahren immer stärker klar wurde, dass ich eine Berufung zum Priester in mir trage? War das etwas Befreiendes, Schönes? Oder hat es auch mich verunsichert und mir Angst gemacht?
Natürlich ist der Blick in die Vergangenheit immer ein wenig verklärt, und doch muss ich zugeben, dass der Gedanke, von Gott dazu berufen zu sein, Priester zu werden, bei mir ebenfalls nicht unbedingt Freude ausgelöst hat – sondern in der Tat auch Unsicherheit und Furcht.

Interessanterweise begegnen uns in den Berufungsgeschichten in der Heiligen Schrift ganz ähnliche Schilderungen: Maria erschrak, als der Engel bei ihr eintrat; Jona lief vor Gottes Auftrag davon; Jeremia suchte nach Ausreden, um seiner Berufung nicht folgen zu müssen. Die erste Reaktion auf eine Berufung ist also nicht nur bei der jungen Frau und bei mir, sondern auch in den „klassischen“ Berufungsgeschichten der Bibel gar nicht so positiv, wie man das als Verantwortlicher in der Berufungspastoral vielleicht gerne hätte.
Das mag viele Gründe haben. Ich erinnere mich beispielsweise, dass ich mich fragte, ob ich der ganzen Sache denn gewachsen sei. So traute ich es mir zum Beispiel nicht zu, mit einer Predigt vor die Gläubigen zu treten. Ich zögerte auch, weil ich darum wusste, dass es einen Verzicht miteinschließen würde, meiner Berufung zu folgen – beispielsweise den Verzicht auf Ehe und Familie. Das wollte ich schlichtweg nicht.

Es ist also verständlich, dass der Gedanke der Berufung nicht nur Jubelstürme auslöst. Man spürt, dass einen die Nachfolge Jesu etwas kosten wird, dass einen dies fordert. Und in herausgehobener Weise empfinden das diejenigen, die bereit sind, sich auf ihre Berufung einzulassen. Deshalb erst das „Erschrecken“, das die junge Frau Maria überkommt, als der Engel Gabriel ihr verheißt, dass sie den Messias gebären soll. Und dann, nachdem „der erste Schrecken“ überwunden ist, ihre Worte „mir geschehe, wie du es gesagt hast“ – in denen sie ihre Zusage dazu gibt, dass sie nicht mehr allein darüber bestimmen können wird, wie sich ihr Leben von nun an gestaltet.
Was sich  hier im Leben der jungen Frau ereignet, als der Engel mit seiner Botschaft bei ihr eintritt, vermittelt einen Eindruck der Passivität. Und wir kommen nicht umhin, anzuerkennen, dass zum biblischen Gedanken der Berufung in der Tat auch gehört, dass man nicht mehr sein „eigener Herr“ ist: „Ein anderer wird dich gürten und dich führen, wohin du nicht willst.“ (Joh 21,18) So sagt es etwa Jesus an den Apostel Petrus gerichtet, als er diesen dazu beauftragt, seine Schafe zu weiden.

Ist also der Einwand berechtigt, dass Berufung lediglich etwas passiv Erduldetes darstellt und sich gerade deswegen heutzutage nicht mehr wirklich gut verkaufen lässt? Steht ein solcher Gedanke nicht in eklatantem Widerspruch zum aktuellen Lebensgefühl, demzufolge es wichtig ist, das eigene Leben selbst in die Hand zu nehmen und zu designen?
Ist dann das Leitwort, das wir in der Berufungspastoral für das Jahr 2019 ausgewählt haben, nicht völlig deplatziert? „Mir geschehe“ – viel duldsamer und damit passiver geht es ja kaum.

Schwierig ist im Blick auf dieses Leitwort auch, dass wir – gerade in letzter Zeit – erkennen mussten, wie wichtig es ist, eben nicht alles zu ertragen, was einem „geschieht“; dass es notwendig ist, Widerworte zu geben, wo Misshandlung der unterschiedlichsten Art stattfindet. In der Kirche ist uns schmerzhaft bewusst geworden, dass Macht auch missbraucht wurde, um Menschen klein zu halten – eine  Haltung, die sich definitiv nicht auf das Evangelium Jesu Christi berufen kann. Und doch bleibt festzuhalten, dass Machthaber – nicht  zuletzt unter Verweis auf Bibelstellen wie der zuvor genannten – Dinge eingefordert haben, die den Einzelnen sehr geschadet haben.

All das ist richtig. Und doch würde es etwas Entscheidendes aussparen, wenn wir im Blick auf „Berufung“ nicht deutlich machen  würden: Berufung meint in der Heiligen Schrift in der Tat, sich Gott ganz zur Verfügung zu stellen. „Hier bin ich, sende mich!“ heißt es beim Propheten Jesaja (Jes 6,8). Die junge Frau Maria sagt in Nazareth: „Ich bin die Magd des Herrn.“ (Lk 1,38) Wir können es drehen und wenden, wie wir wollen: die Bereitschaft, sich Gott zu übereignen, gehört wesenhaft zur Berufung dazu.

Was bleibt also zu sagen? Ist das biblische Verständnis von Berufung so hoffnungslos antiquiert, dass es mit dem heutigen Denken schlichtweg nicht mehr kompatibel ist? Ist es nach unserem Verständnis vielleicht sogar gefährlich, weil es – bisweilen dringend notwendigen – Widerstand von vorneherein ausschließt?

Zunächst zum letzten Einwand: Es ist hilfreich, zu schauen, wozu Maria ihr „ja“ gibt. Es ist keine Zustimmung dazu, innerweltliche Missstände klaglos hinzunehmen. Das widerspräche nicht zuletzt signifikant dem Handeln Jesu, der sehr wohl die Händler aus dem Tempel vertrieben und sich mit den Verantwortlichen seiner Zeit angelegt hat, um etwa die Steinigung der Ehebrecherin zu verhindern. Es gilt, sehr genau hinzuschauen, wo und wem Gehorsam geschuldet wird. Der berühmte Satz „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen“ (Apg 5,29) muss im Alltag durchbuchstabiert werden: Er kann weder in die Richtung aufgelöst werden, dass Äußerungen kirchlicher Machthaber stets dem Willen Gottes entsprächen, noch in der Weise, dass man eigentlich immer nach eigenem Gutdünken vorgehen und dies dann als den Willen Gottes ausgeben könne. Tatsächlich sind wir beständig zu einer Unterscheidung der Geister herausgefordert, um im Leben der Berufung zu erkennen, was uns wirklich vom Willen Gottes her aufgetragen ist und was diesem Willen doch eher im Weg steht und daher nicht einfach hingenommen werden kann. Der Berufung durch Gott zu folgen, heißt nicht, sich unhinterfragt anderen auszuliefern. Ein Gott, zu dessen Wesen es gehört, die Menschen in die Freiheit zu führen (vgl. Ex 20,2; Gal 5,1), beruft nicht, um den Einzelnen einzuengen. Wo dies verlangt wird, geschieht gerade nicht das, was Gott sagt, sondern das, was die Menschen wollen. Diese wichtige Unterscheidung ist zu treffen! Dort, wo wir uns Gott und seinem Willen übereignen, werden wir nicht klein gehalten, sondern erfahren wie Maria, dass der Mächtige Großes an uns vollbringt (vgl. Lk 1,49)!

Zum anderen: Berufung ist durchaus auch ein Geschehen mit einer ausdrücklich passiven Komponente. „Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt“ (Joh 15,16), so sagt es Jesus mit Blick auf seine Jünger. Und doch: Eben dieser Jesus will nicht, dass seine Jünger als ferngesteuerte Marionetten durch die Lande ziehen. Im gleichen Zusammenhang nennt Jesus die Jünger „seine Freunde“ (vgl. Joh 15,14). Er legt Wert auf die Beziehung, die sie untereinander und zu ihm haben. Sein Anliegen ist nicht, sich mit Befehlsempfängern zu umgeben, sondern mit Menschen die sich mit ihrer Kraft, mit ihrer Begeisterungsfähigkeit, mit ihren Talenten und Gaben für das Reich Gottes einsetzen und damit in eigener Verantwortung wuchern (vgl. Mt 25,14f). Zu dem passiven Vorgang, sich von Gott führen zu lassen und in seinen Willen einzugehen, kommt in unbedingter Weise das aktive Element dazu.
Es beginnt damit, dass Jesus die Zustimmung des Einzelnen in der Nachfolge aktiv haben will. Das schließt mit ein, dass sich Berufene auch dagegen entscheiden können, ihm zu folgen. Der reiche Jüngling, der sich nicht dazu durchringen kann, sein Vermögen aufzugeben, steht dafür exemplarisch (vgl. Mk 10,17ff).  Berufung meint nie nur das Erdulden eines Schicksals, das ohnehin nicht zu ändern ist. Berufung im christlichen Sinn will das aktive Mittun jedes Einzelnen. Nur auf diese Weise kann es gelingen, das zu entfalten, was schon im Mutterschoß in einem jeden und einer jeden angelegt ist (vgl. Jer 1).
Gerade wenn wir auf Maria schauen, von der das Leitwort für das kommende Jahr stammt, wird deutlich, wie sehr das Einlassen auf ihre Berufung sie selbst zu einer aktiv Handelnden gemacht hat. Sie ist mit ihrem Neugeborenen und ihrem Mann Josef gemeinsam nach Ägypten geflohen (Mt 2); sie hat bei der Hochzeit zu Kana wesentlich dazu beigetragen, dass ihr Sohn sein erstes Wunder wirken konnte (Joh 2); sie steht mit letzter Kraft unter dem Kreuz, als ihr Sohn stirbt (Joh 19,25f). Sie gestaltet und bringt sich ein. Ihre Bereitschaft, dass Gott an ihr handeln darf, meint nicht im selben Atemzug, dass ihre eigene Schaffenskraft nicht mehr gefragt wäre. Wer solches meint, trifft den Kern ihrer Berufung nicht.

Allerdings – und das trifft eben genauso zu – heißt das für Maria und alle anderen Berufenen, dass sie Gott danach fragen, wie sie ihre Kraft einsetzen sollen. Sie lassen ihn ganz bewusst wirken, sind bereit, auf ihn zu hören und die Herausforderungen des Alltags bewusst mit ihm und in seinem Geist anzugehen: aktiv, gestaltend – aber genauso hörend auf sein Wort und in der Bereitschaft, sich auch Unangenehmem auszusetzen.
So verstanden heißt Berufung in der Tat, dass man nicht immer das tut, wonach einem gerade der Sinn steht. Das schließt auch manches Schwierige und Ungewisse mit ein. Oder, wie es der Apostel Paulus formuliert hat: „Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir.“ (Gal 2,20)

Es wäre merkwürdig, wenn wir bei diesem Gedanken, wenn er in uns Raum gewinnt, nicht auch erschrecken würden und ängstlich werden. Wenn wir unserer Berufung folgen, werden wir aber genauso erkennen, wie sehr uns dies herausfordert, wie es uns stärkt, zum Handeln befähigt und bereichert, in Jesu Namen leben und wirken zu können. Jedenfalls habe ich selbst es in meinem priesterlichen Dienst so erfahren – und auch hier stehe ich nicht allein. Die Glaubenszeugen aller Zeit und nicht zuletzt die biblischen Berufungszeugen stehen mit ihrer Lebensgeschichte genau dafür ein. Um es abschließend noch einmal mit dem Apostel Paulus zu sagen: „Alles vermag ich durch den, der mich stärkt.“ (Phil 4,13)